SOZIALE ORGONOMIE
Paul Mathews (1924-1986):
BESPRECHUNGEN

THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson

THE MASS PSYCHOLOGIE OF FASCISM von Wilhelm Reich

THE INVASION OF COMPULSORY SEX-MORALITY von Wilhelm Reich

SEX-POL-ESSAYS, 1929-1934 von Wilhelm Reich

WILHELM REICH, LIFE FORCE EXPLORER von James Wyckoff

WILHELM REICH. THE EVOLUTION OF HIS WORK von David Boadella

THE CASE AGAINST PORNOGRAPHY von David Holbrook

REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz

 

THE FREUDIAN LEFT von Paul A. Robinson

Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 4/1, 1970
The American College of Orgonomy

 

Mit seiner Analyse von Reich und Geza Roheim, dem großen Anthropologen, sowie mit seiner politischen Bereinigung von Freud, scheint Dr. Paul A. Robinson (Assistenzprofessor für Geschichte an der Stanford University) in diesem Buch
(1) beweisen zu wollen, daß Marcuse der wahre Erbe von allem ist, was an der Freudschen Tradition revolutionär war. Zu diesem Zweck läßt er eine beeindruckende Reihe von wissenschaftlichen Dokumenten und Fakten Revue passieren (und das auch noch in einem extrem intellektuellen Jargon), die er neu interpretiert, um Reich und Roheim als Beispiele für den „Freudianischen Linksradikalismus“ hinzustellen und als Sprungbretter für den heutigen Aktivismus der Neuen Linken unter Leitung ihres Chefideologen Marcuse. Authentizität dieses Prozesses der Neuinterpretion kann jedoch nur seiner Betrachtung Marcuses zugesprochen werden, der, laut Robinson, Einsicht ins Manuskript hatte und es wohlwollend abnickte. Seine Behandlung von Roheim erscheint äußerst respektvoll, obwohl er in seinen Interpretationen von Roheims Ansichten und Arbeiten voller Anmaßung ist. Bei seiner Behandlung von Reich zeichnet sich seine bösartige Einstellung jedoch am deutlichsten ab.

Unter Reichs Kritikern und Historiographen kann man zwei Grundtypen ausmachen (anders als bei authentischen orgonomischen Biographen): diejenigen, die ihn schlechtweg für inakzeptabel befinden und ihn entweder für irregeleitet oder verrückt (oder beides) halten, und diejenigen, die nur sein Werk der frühen psychoanalytischen und der charakteranalytischen Zeit für akzeptabel erachten. Auch wenn man unter Letzteren jene findet, die nach eigener Einschätzung Reich gegenüber freundlich gesinnt sind und sogar einige wenige, die sich als „Reichianer“ sehen, sind die Ersteren wegen der fehlenden Zweideutigkeit wohl zu bevorzugen. Es ist viel schwieriger, den Mangel an Objektivität gegenüber und den Haß auf Reich bei letzteren zu erkennen und das macht es leichter, ihren ungenauen Bewertungen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Sie werden die „Brillanz seiner Vision“ anerkennen, wie Philip Rieff in The Triumph of the Therapeutic,(2) aber die Gültigkeit seiner Ergebnisse aus Gründen persönlichen Mystizismus, Moralismus oder Politisierens in Abrede stellen. Die zugrundeliegende Motivation ist Haß auf die Genitalität, wie sie durch Reichs Orgasmus-Theorie bejaht wird. Die Implikationen dieser Entdeckung zu verstehen und zu akzeptieren, wäre für sie äußerst verheerend. Ihre einzige Zuflucht ist daher Verzerrung, Gespött und absichtliche Falschdarstellung (genannt „Neuinterpretation“), wie es Rieff, Robinson und Norman Brown(3) und nicht zuletzt der ultimative Held von The Freudian Left, Herbert Marcuse, exemplifizieren.

Wortgewandtheit, Verzerrungen, Irrtümer, Falschdarstellungen und glatte Verleumdung würzen Robinsons Darstellung von Reichs Werk.(4) Nachsichtig ist er natürlich was Reichs frühe Periode betrifft, die durch dessen Beschäftigung mit dem Marxismus und den Versuch, diesen mit der Psychoanalyse in Einklang zu bringen, gekennzeichnet war: „Aus meiner Sicht ist Reich jedoch hauptsächlich als Sozialphilosoph von Interesse, der vielleicht konsequenter als jeder andere die kritischen und revolutionären Implikationen der psychoanalytischen Theorie herausgearbeitet hat“ (S. 10). Er geht aber auch kurz auf Reichs eigene Abkehr von dieser Phase seines Denkens ein und betrachtet diese im Einklang mit dessen „verrückter“ Exkursion in die Orgonomie sowie dessen Antikommunismus: „Während Reichs politische Ideen utopisch waren, können seine biologischen und kosmologischen Spekulationen nur als geisteskrank bezeichnet werden“ (S. 59).

Für seine Bewertung dieser Phase Reichs greift Robinson auf die verleumderischen Verzerrungen von Mildred Edie Bradys New Republic-Artikel vom 26. Mai 1947 zurück: „[Reich] etablierte bald eine lukrative Privatpraxis.“ „Orgonenergie konnte verwendet werden, um eine beliebige Anzahl von psychischen und physischen Krankheiten zu heilen, von Hysterie bis Krebs.“ „[Er] beobachtete die blaue Färbung von sexuell erregten Fröschen.“ etc. etc. (Alles Kursive von mir – P.M.) Darüber hinaus wird Reich zu einem „religiösen Denker“, der „zu dem Schluß kam, daß die Religion, auch wenn sie reaktionär ist, der legitime Vorläufer seiner eigenen Wissenschaft ist“. Dies leitet er aus seiner offensichtlichen Fehlinterpretation von Christusmord und Die kosmische Überlagerung ab. Reich wird erneut eine „anti-intellektuelle Voreingenommenheit“ vorgeworfen, da Robinson, wie Rieff, nicht in der Lage ist, zwischen dem Intellekt als Abwehr und dem Intellekt des Kerns zu unterscheiden. Auf besonders raffinierte Weise mißbraucht er Reichs Spekulation, Selbstwahrnehmungsprozesse könnten für den Ursprung der menschlichen Panzerung verantwortlich gewesen sein und behandelt sie wie ein Dogma: „Gleichzeitig erreichte die anti-intellektuelle Voreingenommenheit, die implizit in allen von [Reichs] Gedanken enthalten ist, schließlich eine explizite Formulierung: Der Mensch wußte zu viel für sein eigenes Wohl“ (S. 70).

Robinson ist besonders nachtragend gegenüber Reichs Konzept der Emotionellen Pest und sagt: „Er hypostasiert alle Kritiker seiner Theorien zu ‚die Emotionelle Pest‘ und erweist sich damit Freud mehr als ebenbürtig, was die Kunst des ad hominem-Arguments betrifft.“ Hier zeigt er nicht nur seine Unkenntnis der Definition der Pest durch Reich sowie von dessen wahren Motiven, sondern versucht auch, sich selbst gegen eine möglicherweise berechtigte Anschuldigung zu immunisieren.

Nachdem er eingeräumt hat, daß Reichs Gefühl der Verfolgung durchaus gerechtfertigt ist, kommt er zu dem Schluß: „Das war das traurige, aber (man kommt um das Gefühl nicht herum) angemessene Ende einer Karriere, die so zutiefst ernst und hoffnungslos grandios war, daß sie unmerklich in eine Farce verblaßte“ (S. 73). Man kann sich nur fragen, warum Robinson überhaupt vorgibt, Reich zu bewundern. Die Antwort liegt zweifellos nicht nur darin, daß er die Größe Reichs schemenhaft erahnt, sondern auch darin, im Namen der Sexualbejahung und unter dem Vorwand eines bewundernden Freundes, der ausgesprochen fair ist (vgl. S. 69, 70), die Bedrohung durch Reichs Theorie der Genitalität zu beseitigen; und natürlich auch in seinem Wunsch, durch „Neuinterpretation“ sich jener Aspekte von Reichs Werk zu bemächtigen, von denen er glaubt, daß sie seine politische Voreingenommenheit bestärken und bestätigen – was er in seiner Einleitung einräumt. So ist sein expliziter Vorsatz in diesem Buch, Freud selbst zu radikalisieren (in der Marcusianischen Wortbedeutung bzw. der der Neuen Linken) und jene Vertreter des „Freudianischen“ Denkens, deren Theorien – speziell im sexuellen Bereich – revolutionäre Auswirkungen im politischen Sinne haben. Tatsächlich ist dies ein modernes Gegenstück (mit sehr unterschiedlichen Motivationen) zu Reichs seit langem aufgegebenem Versuch, Freud und Marx zu verschmelzen.

Robinson abstrahiert bei Roheim jene Aspekte seiner anthropologischen Erkenntnisse, die die Idee der Unvereinbarkeit von Kultur und Gesundheit unterstützen, insbesondere dessen Studien über die australischen Ureinwohner, deren Kindererziehung in jeder Hinsicht sexuell frei war, außer dem Inzesttabu (was Freuds Konzept des Urverbrechens unterstützte). Er führt Roheims Konservatismus bei der Lösung des Dilemmas der westlichen Gesellschaft auf dessen Loyalität zu Freud und die Fixierung auf den Pessimismus von Das Unbehagen in der Kultur(5) zurück. Robinson ist besonders beeindruckt von Roheims Erkenntnis, daß „der Schlüssel zum Wohlbefinden der Primitiven in der allgemeinen Permissivität ihrer Kultur [liegt]“. Dies ist ein wichtiger Punkt, da es mit der Identifikation des Autors mit Marcuse zusammenhängt. Freuds „Radikalismus“ läge in seinem Konzept eines Antagonismus zwischen Trieb und Kultur sowie in seinem Konzept des Todestriebs, den interessanterweise Norman Brown und Marcuse auf unterschiedliche Weise in ihre Philosophien aufgenommen haben.

Den Höhepunkt bildet jedoch die Analyse von Marcuse, der laut Robinson mit seinem Konzept von Repression und Sexualität sowohl Freud als auch Reich überholt hat: Nicht Freuds Realitätsprinzip stehe im Widerspruch zum Lustprinzip, sondern das Leistungsprinzip; ein Begriff, der eine zusätzliche Unterdrückung(6) der prägenitalen Sexualität im Interesse einer Genitalität symbolisiert, die den ausbeuterischen Funktionen von Kapitalismus und Imperialismus dient. Das Konzept der polymorphen Perversität des Menschen wird als verleugnete Funktion rehabilitiert, die für das menschliche Glück notwendig ist. Hier, so Robinson, knüpft Marcuse an Marx‘ Konzept des Mehrwerts an, der, neben der zusätzlichen Unterdrückung [der Libido], für die Entfremdung und Verdinglichung des modernen Menschen verantwortlich sei. Man kann in diesen im Wesentlichen verkopften und metapsychologischen Spekulationen die Sackgasse sehen, die sich aus der Unkenntnis oder Ablehnung der orgastischen Funktion und des Primats der Genitalität ergibt. Für Marcuse wird die Genitalität zu einem Instrument in den Händen der Unterdrückung; und Freuds Hypothese des Urverbrechens, wie sie durch Roheims Erkenntnisse über die Totempraktiken der Primitiven gestützt wird, wird neu interpretiert, um den Urvater in den kapitalistischen Ausbeuter und die mordenden Brüder, die ihre Schuld in der Totemnahrung sühnen, in das Proletariat zu verwandeln. Homosexualität als Ausdruck polymorpher Perversität, verwandelt sich von einer Neurose, die auf orgastische Impotenz und Kastrationsangst hinweist, in eine Rebellion gegen die „genitale Tyrannei“ und in eine „soziale Funktion (…) analog zu der des kritischen Philosophen“ (S. 208).

Es wird gezeigt, daß Marcuse (wie Robinson in seinem Umgang mit Reich, Roheim, etc.) alles und jeden neu interpretiert, von der Hegelschen Dialektik und dem Marxismus über Nietzsche und Schiller bis hin zu Freud. Wie Robinson hat auch er alles destilliert, was für seine vorgefaßten Meinungen offensichtlich nützlich war und, wo es nicht hineinpaßte, gründlich „rationalisiert“. Sogar die sexuelle Freizügigkeit wurde abgelehnt, als er der Meinung war, daß sie im Interesse der Ablenkung vom Problem der Ausbeutung Verwendung finde; und das Produkt dieser Ausbeutung – der Wohlstand der technologischen Gesellschaft – wird zu etwas Fluchwürdigem. Das endgültige oder letzte Stadium scheint die Unterstützung einer neofaschistischen Elite von Jugendlichen der Neuen Linken zu sein. Die Rolle der patriarchalischen Familie wurde nun durch die Funktion der modernen technologischen Gesellschaft und ihrer Kommunikationsmedien ersetzt; dergestalt ist laut Marcuse der Ödipuskomplex nicht mehr relevant. Dieses Sammelsurium von Widersprüchen und Verzerrungen („Neuinterpretationen“) wird vom Autor als Inbegriff des „Freudianismus“ und sogar des „Reichianismus“ ernstgenommen. Es ist beängstigend zu sehen, daß ein bedeutender Teil unserer Jugend direkt oder indirekt von diesem Durcheinander geleitet wird.

Neben der Anti-Genitalität ist der Aspekt, der sich in Robinsons Ausführungen am stärksten zeigt, sein Anti-Konservatismus. Er nimmt für sich in Anspruch, Reich, Roheim und Freud vor dem konservativen Standpunkt zu retten. Wie viele andere ist er nicht in der Lage, den Konservativen vom Reaktionär zu unterscheiden und er findet es schwer zu verstehen, inwiefern Pioniere wie Freud, Reich und Roheim konservative Positionen haben einnehmen können. Es kommt ihm nicht in den Sinn, daß es dem Genie und der Größe dieser Menschen eigen war, daß sie ein instinktives Bewußtsein für die Gefahren sekundärer Triebe hatten und so das verantwortungslose „radikale“ Verhalten vermieden haben, das sich aus der falschen Anwendung ihrer wirklich radikalen (die Ursachen suchenden) Erkenntnisse ergibt. Was das am meisten bewunderte Thema des Autors betrifft, Marcuse, wird dessen aktive Identifikation mit den schlimmsten Elementen des skrupellosen Linksradikalismus und – jawohl – der Pest ihn letztendlich auf einen anrüchigen Platz in der Geschichte der Sozialreform verweisen. Es ist kein Zufall, daß Reich den Todestrieb widerlegt, während Marcuse ihn hochhält.

 


Fußnoten

(1) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Paul A. Robinson: The Freudian Left, New York: Harper and Row, 1969. Zu lesen unter https://archive.org/details/freudianleftwilh00robi

(2) New York: Harper and Row, 1966. (Besprochen in Jg. 2, Nr. 2 dieser Zeitschrift.)

(3) In seinem Life Against Death (New York: Vintage Press, 1959). ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Deutsch unter Zukunft im Zeichen des Eros, Neske Verlag 1962.

(4) In Anbetracht dessen kann man die Tatsache nicht erklären, daß der Wilhelm Reich Infant Trust Fund dem Autor die Erlaubnis erteilt hat, aus Reich zu zitieren, wie in den Danksagungen des Buches angegeben.

(5) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift Sigmund Freuds.

(6) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Während jede Form des Realitätsprinzips ein beträchtliches Maß an unterdrückender Triebkontrolle erfordert, führen die spezifischen Interessen der Herrschaft zusätzliche Kontrollausübungen ein, die über jene hinausgehen, die für eine zivilisierte menschliche Gemeinschaft unerläßlich sind. Diese zusätzliche Lenkung und Machtausübung, die von den besonderen Institutionen der Herrschaft ausgehen, sind das, was wir als zusätzliche Unterdrückung bezeichnen.“ (Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1977, S. 42)

 

 

THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM von Wilhelm Reich

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 5/1, 1971
The American College of Orgonomy

 

Es ist zweifellos ein Meisterwerk und war viel zu lang vergriffen, Wilhelm Reichs berühmtestes gesellschaftspolitisches Buch Die Massenpsychologie des Faschismus. Es ist gut, es wieder zu haben, besonders in diesen Zeiten.
(7) Die Massenpsychologie des Faschismus ist der funktionelle Eckpfeiler von Reichs gesellschaftspolitischem Denken und meiner Meinung nach die klarste und tiefgründigste Darstellung der Kräfte, die unsere soziopolitischen Strukturen formen und bewegen. Daneben bietet es das, was ich für den einzig realistischen Ansatz zur sozialen Organisation halte in Form dessen, was Reich „Arbeitsdemokratie“ nannte.

Erstmals in den frühen 1930er Jahren konzipiert, spannte es einen Bogen vom Aufstieg Hitlers in Deutschland bis zum Stalinismus in der Sowjetunion und enthielt neben sexualökonomischen Konzepten auch viele Marxistische Begriffe und Ideen. Es wurde 1933 veröffentlicht, eine zweite Auflage erschien 1934 in Dänemark. Die Nazis verboten das Buch 1935 und die kommunistische Führung prangerte es als „konterrevolutionär“ an. Schon vor der Veröffentlichung von Massenpsychologie des Faschismus hatten sozialistische und kommunistische Organisationen den Vertrieb von Reichs Sexpol-Publikationen verboten und sein Leben war voraussichtlich bedroht, „sobald der Marxismus zur Macht in Deutschland gelangte“ (1, S. 19). Nachdem eine englische Ausgabe gefordert wurde, begann Reich 1942 mit der Arbeit an einer Überarbeitung und die dritte überarbeitete Ausgabe, übersetzt von Dr. Theodore P. Wolfe, erschien 1946. Für diese Revision hielt es Reich für notwendig, eine Reihe schwerwiegender Denkfehler zu korrigieren, die auf Marxistischen Konzepten und Begriffen beruhten und in den frühen Ausgaben um sich griffen. Jedes sexualökonomische Konzept war gültig geblieben, hatte den Test der Zeit standgehalten, während jede Marxistische Idee eliminiert und durch funktionelle Konzepte und Begriffe ersetzt werden mußte. So wurde der Versuch einer Synthese von Marxismus und Tiefenpsychologie, wie er bereits seit einigen Jahren im Denken Reichs vorhanden gewesen war, dauerhaft verworfen und im Druck beseitigt.

In der Originalübersetzung von Dr. Theodore P. Wolfe wird das Buch mit dem Kapitel X, „Arbeitsdemokratie“, abgeschlossen. Die neue Übersetzung von Victor R. Carfagno erweitert die Anzahl der Kapitel, indem sie sie aus dem letzten Unterthema von Kapitel IX („Die biosozialen Funktionen der Arbeit . . .“) und zwei Unterthemen von Kapitel X zusammensetzt, so daß aus den ursprünglich zehn Kapiteln insgesamt dreizehn Kapitel entstehen.(8) Der Effekt dieser willkürlichen Änderung gegenüber der von Reich zugelassenen Wolfe-Version ist, daß sie Kategorien trennt, die meiner Meinung nach – und offensichtlich auch Reich zufolge – zusammengehören. So ist beispielsweise in der Carfagno-Fassung das Kapitel mit dem Titel „Biosoziale Funktion der Arbeit“ in seiner ursprünglichen subthematischen Form eine Weiterführung und ein logischer Abschluß des Kapitels „Masse und Staat“. Da sich das Unterthema mit den destruktiven Auswirkungen der „moralistische[n], autoritäre[n] Regulierung der Arbeit“(9) durch die sowjetischen Behörden befaßt, gehört es gut in die Analyse des Prozesses des sowjetischen Zerfalls zum Roten Faschismus, die in „Masse und Staat“ behandelt wird. Darüber hinaus sind die Unterthemen, auf die im letzten Kapitel der Wolfe-Fassung („Arbeitsdemokratie“) Bezug genommen wird, so logisch mit diesem Thema verflochten, daß es ein Bärendienst ist, das Gefühl der Kontinuität durch willkürliche Kapiteltrennung zu unterbrechen.

Wie Ilse Ollendorff feststellte, widmete Reich Dr. Wolfe sehr viel persönliche Aufmerksamkeit, um ihm zu vermitteln, was er wirklich intendierte und beabsichtigte.(10) Die Wolfe-Übersetzung ist daher die einzige von Reich selbst autorisierte Version. Daß die Carfagno-Übersetzung möglicherweise Material enthält, das in Wolfes Version nicht enthalten ist, verzerrt wahrscheinlich die Absichten Reichs. Endgültige Bedeutungen und Absichten können durch Streichungen ebenso ausgedrückt werden wie durch Einbeziehungen. Die folgenden Beispiele sollen diesen Punkt veranschaulichen:

Auf Seite 217, Absatz 4 der Übersetzung von Carfagno stellt Reich fest:(11)

(…) die sozialdemokratischen und liberalen Parteien in den noch nicht faschistischen Ländern lebten gerade von der Illusion, daß die Massen an sich, so wie sie sind, freiheitlich und freiheitsfähig wären [were capable of freedom and liberalism] und daß das Paradies auf der Erde gesichert wäre, wenn es nur die bösen Hitlers nicht gäbe.
In Wolfes Version wird das Wort „Liberalismus“ weggelassen. Im Lichte von Reichs eigener Beschreibung des Liberalismus als Manifestation der oberflächlichen Schicht des Menschen ist dies eine verständliche Auslassung, denn im Gegensatz zur Freiheit sind die Massen nur allzu fähig zum Liberalismus. Natürlich hätte Reich den Ausdruck „wahrer Liberalismus“ verwenden können, aber anscheinend war es sein Wunsch, Verwirrung zu vermeiden. Nur der Übersetzung von Wolfe sollte hier vertraut werden.

Was den Schreibstil betrifft, so vergleiche man Carfagnos Schwerfälligkeit in der folgenden Passage (S. xi)(12) mit Wolfes Sprachkompetenz:

Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung.
Wolfe, S.vii:

Wie ich in meinem Buch Charakteranalyse gezeigt habe, sind diese Schichten autonom funktionierende Repräsentanzen der sozialen Entwicklung.
Daher scheint mir die Carfagno-Übersetzung in mehreren wichtigen Punkten hinter der Wolfe-Übersetzung zurückzubleiben: Es fehlt die Genauigkeit von Reichs persönlich übermittelten Absichten; es fehlt die Autorität von Wolfe selbst; und schließlich fehlen ihm die Geläufigkeit, Warmherzigkeit und Bodenständigkeit von Wolfes Übersetzungsstil. Dennoch ist es interessant zu wissen, was einige von Reichs Gedanken vor ihrer endgültigen Bearbeitung waren, aber nicht wegen der „Genauigkeit“. Bis die Wolfe-Version wieder zur Verfügung gestellt wird, muß diese Übersetzung die Lücke füllen.

Um die Thesen von Die Massenpsychologie des Faschismus zu begreifen, bedarf es letztlich eines funktionellen Verständnisses von Reichs Orgasmus- und Charaktertheorie. Mittlerweile läuft das auf ein Verständnis des gesetzmäßigen Funktionierens der kosmischen Orgonenergie im menschlichen Organismus hinaus. Im Wesentlichen ist es wie folgt: Der gepanzerte, orgastisch impotente Mensch ist in drei deutliche charakterologische Schichten strukturiert: Im Kern ist er natürlich, genital gesund, selbstregulierend, rational, verantwortungsbewußt und freundlich; fähig zu anhaltender und kreativer Arbeit und natürlicher Aggression (das Reich des echten Revolutionärs). Die Blockierung dieser Kernschicht im Säuglings- und Kindesalter schließt die Fähigkeit zur gesunden Entwicklung und die adäquate Entladung der Orgonenergie aus, was zu einer sekundären Schicht führt, die voller Brutalität, Sadismus, Perversion und durchgängiger Irrationalität ist, einschließlich Zügellosigkeit und destruktiver Rebellion (das Reich des Faschisten). Diese mittlere Schicht wird durch eine Fassade (die äußerliche oder oberflächliche Schicht) aus falscher Nettigkeit, Pseudo-Humanitarismus und fingierter Fairneß verdeckt (das Reich des Liberalen). Da der Mensch so stark gepanzert ist, ist es die sekundäre Schicht, die überwiegt und die durch die oberflächliche Schicht in Schach gehalten oder durch sozialverträgliche Ersatzmechanismen zum Ausdruck gebracht werden muß. Die Fähigkeit zum genitalen Ausdruck ist begrenzt und, laut Reich, am häufigsten in der rationalen schöpferischen Arbeit und im künstlerischen Ausdruck vertreten. Im Einklang mit der Panzerung des Menschen stehen jene sozialen Institutionen und Ausdrucksformen, die sowohl seine Neurose verstärken, als auch in Form organisierter politischer Irrationalität, deren Archetyp der Faschismus ist, auf das Gesellschaftsleben ausgreifen. Es handelt sich um patriarchalischen Autoritarismus (die zwanghafte Familie), religiösen, rassischen und politischen Mystizismus, dazu mechanistisches Denken und Verhalten sowie deren reaktive Mechanismen wie Zügellosigkeit, Pornographie und künstlicher „Revolution“.

Daher Reichs Auffassung vom Faschismus als einer Krankheit, die in der psychischen Struktur der Massen verankert ist und die Klassengrenzen überschreitet. Sie basiert auf der orgastischen Impotenz des gepanzerten Menschen, der strukturell nicht zu einer echten Demokratie fähig ist. Als solche ruft sie eine autoritäre patriarchalische Gesellschaft und eine mechanisch-mystische Orientierung hervor. Der faschistische Staat repräsentiert den bewaffneten, organisierten Faschismus des Durchschnittsmenschen, verfochten durch die Massen. In dieser Hinsicht besteht der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Militärdiktatur und dem Faschismus laut Reich bei der ideologischen Anziehungskraft auf und der Unterstützung durch die Massen.

Entgegen den jüngsten Rezensionen dieses Buches in der New York Times (3, 4) ist Reich weder gegen die Familie noch impliziert er, daß sich alle patriarchalischen Gesellschaften zu einem organisierten faschistischen Staat entwickeln müssen. Ihm geht es um die patriarchalische Zwangsfamilie, nicht um die natürliche Familie, und um jene Aspekte der menschlichen Charakterstruktur, die in einem faschistischen Staat kulminieren können. Eine weitere Implikation in diesen Rezensionen betraf Frauen in Nazi-Deutschland, die angeblich „ihren Sex genauso genossen haben wie die heutigen Mitglieder der Frauenbefreiungsligen“. Ein elementares Verständnis von Reichs Orgasmus-Theorie hätte ein solches Beispiel ausschließen können, denn Tatsache ist, daß sexuelle Aktivität und orgastische Potenz nicht identisch sind und daß „klitorale Orgasmen“ vaginale Orgasmen nicht ersetzen können (5).

Mit unfehlbarer Logik zeichnet Reich den Niedergang der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik und ihren Verfall zum Nationalsozialismus nach. Und den vergleichbaren Prozeß in der Sowjetunion nach den ersten Jahren, der zum Stalinismus und Roten Faschismus führte. In beiden Fällen weist Reich auf die charakterologischen Unfähigkeiten der Massen zu echter sozialer Demokratie hin und ihre starken Reaktionen auf ideologische Appelle, die auf Patriarchat, sexuellen Ängsten, Mystizismus und Chauvinismus beruhen.

Ich muß jedoch Reichs Einschätzung von Lenin widersprechen, dem er meines Erachtens mehr als verdiente Anerkennung sowohl für seine humanen Beweggründe als auch für sein funktionelles Verständnis der charakterologischen Unfähigkeit zu Freiheit seitens der Massen zollt.

Jüngste Dokumentationen, wie Robert Paynes Lenin und sein Tod (6) weisen darauf hin, daß Lenins Motivationen erheblich weniger human und funktionell waren, als Reich ihm zuschreibt:

Nachdem Lenin entschieden hatte, daß alle Mittel zulässig seien, um die Diktatur des Proletariats zu errichten, wobei er selbst im Namen des Proletariats regierte, hatte er Rußland in unerträglicher Weise der menschlichen Freiheit beraubt. Seine Macht war nackte Macht; seine Waffe war die Vernichtung; sein Ziel war die Verlängerung seiner eigenen Diktatur. Er konnte schreiben: „Europa in Flammen setzen“ und sich nichts dabei denken. Er konnte den Tod von Tausenden und Abertausenden von Menschen anordnen und ihr Tod war unerheblich, weil sie nur Statistiken waren, die den Fortschritt seiner Theorie behinderten. Das Gemetzel in den Kellern der Lubjanka interessierte ihn nicht. Er kaperte die russische Revolution und verriet sie dann und in diesem Moment machte er Stalin unausweichlich. (6)
Obwohl man Payne widersprechen muß, es sei Lenin und nicht die russischen Massen gewesen, die „Stalin unvermeidlich machten“, ist klar, daß Lenin kein humanitärer Mensch war.

Reich blickte mit Hoffnung auf Amerika, ungeachtet echter Mißstände und Ungerechtigkeiten. Aber die Aktivitäten und Verzerrungen der Freiheitskrämer ließen ihn um den Fortbestand Amerikas als Bastion der allmählichen sozialen und sexuellen Revolution fürchten und das versetzte ihn wegen der Säuglinge und Kinder in Sorge.

Das lag daran, daß er deutlich sah, wie wenig die Freiheitskrämer die charakterologischen – bzw. biologischen – Voraussetzungen für die Selbstverwaltung und die Fähigkeit der Massen in dieser Hinsicht verstanden. Die Tendenz, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten, vom Privat- zum Staatskapitalismus überzugehen, hielt er angesichts der bestehenden Charakterstruktur für bedrohlich. Dieser Prozeß erschien ihm als der eigentliche Mechanismus zur Schaffung eines faschistischen Staates – wie in Nazi-Deutschland und der Sowjetunion (1, S. 251-255).(13) Obwohl er keine große Bewunderung für engstirnige Kapitalisten hatte, setzte Reich sie nicht mit Faschisten gleich, sondern betrachtete sie als Anhänger einer Wirtschaftsphilosophie und -praxis, die in einer gepanzerten Welt zu erwarten sind, genauso wie auch Sozialisten. Für Reich waren die Übel des Staatskapitalismus nicht auf dessen kapitalistische Züge zurückzuführen, sondern auf die Unfähigkeit der Massen, ihr Leben selbst zu verwalten, wodurch immer mehr Macht an Bürokraten verlagert wurde, die sich in Führer(14) verwandeln (7, 8). Der charakterologische bzw. biologische Faktor ist viel tiefer als alle Klassen- oder Wirtschaftsunterschiede und geht über alle Grenzen.

Der wesentliche Bestandteil für eine gesunde Gesellschaft ist der Kontakt zum Kern. Hier bot Reich eine höchst sinnvolle Herangehensweise für das menschliche Dilemma an: Arbeitsdemokratie, die die besten Merkmale der kapitalistischen Individualität und des Unternehmertums und der sozialen Kooperationsfähigkeit in sich vereinte, jedoch über beides hinausging durch ihre Betonung freudvoller Arbeit auf der Grundlage genitaler Gesundheit. Ein System ohne willkürliche Klassifikationen von Proletariat und Nichtproletariat, sondern das vielmehr all jene umfaßt, die die „lebensnotwendige Arbeit“ als Ausdruck ihrer natürlichen Fähigkeit zu Arbeit, Liebe und Wissen leisten.

 

Literatur

  1. Reich, W.: Die Massenpsychologie des Faschismus, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1986
  2. Ollendorff Reich, I.: Wilhelm Reich, Kindler Verlag, München 1975 (Original: Wilhelm Reich: A Personal Biography. New York: St. Martin’s Press, 1969)
  3. Lacqueur, W.: „The Mass Psychology of Fascism“. New York Times Sunday Book Review, Dec. 20, 1970
  4. Lehman-Haupt, C. : „Again Into the Orgone Box“.New York Times, Jan. 4, 1971
  5. Herskowitz, M.: „Orgasm in the Human Female“.Journal of Orgonomy 3:92-101, 1969
  6. Payne, R.: Lenin und sein Tod. Rütten & Loening, München 1965 (Original: The Life and Death of Lenin. New York: Simon and Schuster, 1964)
  7. Hayek, F.A.: Der Weg zur Knechtschaft. Olzog, München 2009 (Original: The Road to Serfdom. Chicago: University of Chicago Press, 1962)
  8. Burnham, J.: Das Regime der Manager. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1951 (Original: The Managerial Revolution. New York: John Day Co., 1941)

 


Fußnoten

(7) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: The Mass Psychology of Fascism von Wilhelm Reich. Neu übersetzt aus dem Deutschen von Vincent R. Carfagno. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1970, 400 S. Deutsch siehe Literaturangabe 1. Die ursprüngliche amerikanische Ausgabe: The Mass Psychology of Fascism. Translated by Theodore P. Wolfe, M.D. New York: Orgone Institute Press, 1946.

(8) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Das letzte Unterthema von Kapitel IX wird zum Kapitel X der Carfagno-Version gemacht. Die drei Unterthemen von Kapitel X der Wolfe-Version werden zu eigenständigen Kapiteln mit eigenen Unterthemen.

(9) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Massenpsychologie, ebd., S. 270.

(10) Ilse Ollendorff schreibt: „Ein Soziologe, der unter Reich studierte, gab den Anstoß zu einer englischen Ausgabe der Massenpsychologie, und Wolfe begann, auch an dieser Übersetzung zu arbeiten. In meiner Erinnerung sehe ich ihn immer mit seiner Aktentasche zu endlosen Abenddiskussionen kommen, um mit Reich die genaue Übersetzung eines Satzes oder eines Spezialausdrucks zu besprechen. Ich habe immer die Gewissenhaftigkeit bewundert, mit der es Wolfe gelang, die genaue Bedeutung von Reichs Ideen wiederzugeben (2, S. 106).

(11) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Massenpsychologie, ebd., S. 200.

(12) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Massenpsychologie, ebd., S. 11.

(13) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zitate:
„So grundverschieden auch die staatliche Kontrolle der sozialen Produktion und Konsumtion in Rußland, Deutschland, Skandinavien und den Vereinigten Staaten aufgrund der historischen Entwicklung ausfiel, es gab dennoch einen gemeinsamen Nenner: die Unfähigkeit der Menschenmassen zur Selbstverwaltung der Gesellschaft, und aus dieser gemeinsamen Grundlage der staatskapitalistischen Entwicklung folgt logisch und einfach die Gefahr der Entwicklung autoritärer Diktaturen. (…) Es gibt in Wirklichkeit, gesehen von der Struktur und Ideologie der arbeitenden Menschenmassen, keine einzige konkrete Garantie dafür, daß sich aus der staatskapitalistischen Richtung keine Diktatur entwickelt.“
„Der deutsche und der russische Staatsapparat waren aus alten Despotismen hervorgegangen. Das charakterliche Untertanentum der Menschenmassen war daher in Deutschland und Rußland außerordentlich stark. So führte in beiden Fällen die Revolution mit der Treffsicherheit irrationaler Logik zu neuem Despotismus. Verglichen damit ging der amerikanische Staatsapparat aus Menschengruppen hervor, die sich dem europäischen und asiatischen Despotismus durch die Flucht in eine jungfräuliche, von aktuell wirksamen Traditionen freie Gegend entzogen hatten. (…) Wenn wir den Tatsachen gerecht sein wollen, dann müssen wir, ob wir es wollen und mögen oder nicht, feststellen, daß die Diktatoren Europas, die sich auf Millionenmassen stützten, durchwegs aus den unterdrückten Volksschichten stammen.“
„Der Einfluß der Charakterstruktur der Menschenmasse ist entscheidend für die Staatsform, gleichgültig ob sie sich durch Passivität oder durch Aktivität ausdrückt.“

(14) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Deutsch auch im Original.

 

 

THE INVASION OF COMPULSORY SEX-MORALITY von Wilhelm Reich

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 6/1, 1972
The American College of Orgonomy

 

Dieses 1931 geschriebene Buch ist für alle Leser Reichs von historischem Interesse, aber es ist ein nachdrückliches Wort der Warnung angebracht. Da es während Reichs Marxistischer Periode geschrieben wurde, bietet es eine grundsätzlich ökonomische Interpretation von Ursprung und Durchsetzung des sexuellen Moralismus. Später distanzierte sich Reich scharf und unmißverständlich von dieser Sichtweise, zusammen mit seinen Marxistischen Tendenzen. So schrieb Reich im Vorwort der Ausgabe von 1951 (erste englische Fassung des Werkes) (S. 9):
(15) „(…) die starke politische Tendenz des Buches geht auf die Erfahrungen dieser Zeit zurück. Nichts von dem, was unsere soziale Existenz in jener Zeit (1930-45) erschütterte, hat im politischen Sinn überlebt. Die Fakten jedoch über die Geschichte der menschlichen Charakterentwicklung haben (…) überlebt (…) [und] an Konsequenz und sozialem Einfluß zugenommen, und das ist, auf lange Sicht, die wahre soziale Macht.“

In ähnlicher Weise lehnt Reich den Marxismus im Vorwort der Ausgabe von 1944 von Die sexuelle Revolution ab. Hier trennt er die sexuelle Revolution(16) ausdrücklich vom Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat: In Bezug auf die Charakterstruktur gibt es keine Klassengrenzen. Die soziale Ideologie spiegelt nicht die wirtschaftlichen Bedingungen wider, sondern sowohl die Ideologie als auch die Wirtschaft sind in der psycho-sexuellen Struktur der Massen verankert. Reich verurteilt nachdrücklich die Kommunisten, die er als mit den Nazis verwandt ansieht (S. 9):(17) „(…) heute (…), wenn ein anders gefärbter, aber grundsätzlich ähnlicher politischer Lärm [vergleichbar mit dem der Schwarzen Faschisten] unsere friedlichen Bestrebungen stört, zu lernen und den Weg (…) den die Menschheit genommen hat, (…) immer besser zu bestimmen.“ Er prangert auch ihre Bettgenossen, die modernen Liberalen und zeitgenössischen Radikalen, rundheraus an (S. 9f): „(…) die mit der ‚Freiheit hausieren‘ (…) denen es gelungen ist, jede Spur eines klaren, ehrlichen Denkens (…) zu zerstören. Für sie ist jeder Begriff ein Mittel politischen Betrugs geworden. (…) die Führer [mißbrauchen] die sexuellen und mystischen Glücksbedürfnisse des hilflosen Massenindividuums. (…) Der Bereich der menschlichen und sozialen Probleme ist weit tiefer und umfassender als der, mit dem sich die Marxsche Ökonomie befaßt.“

Nichtsdestoweniger bin ich geneigt, Professor L. Ferrero Raditsa zuzustimmen, der in einer Besprechung dieses Buches in der Zeitschrift New Leader(18) vom 15. Dezember 1971 erklärte: „In diesen ‚befreiten Zeiten‘ fürchte ich, daß dieses Buch fälschlicherweise als Befürwortung von Hedonismus und von sozialen Umwälzungen gelesen wird.“ Es ist leider wahr, daß man Reichs Erkenntnisse allzuoft falsch interpretiert und verzerrt und seine Überarbeitungen früherer Werke selektiv ignoriert, besonders jetzt, wo viele Neue Linke und sogenannte Freudo-Marxisten (diejenigen, die behaupten, die ursprüngliche Absicht von Reichs Marxistischer Periode der Dreißiger Jahre wiederbelebt zu haben, während sie gleichzeitig seine orgonomischen Erkenntnisse ablehnen) versucht haben, jene Aspekte von Reichs Werk zweckzuentfremden, die für ihre neurotischen und politischen Zwecke nützlich sind. Letztere haben in neuerer Zeit sogar einen sexuellen Aspekt – verzerrt und prägenital – zu ihrer revolutionären Leidenschaft hinzugefügt.

Eine relevante Frage ist, warum dieses Buch zu dieser Zeit hätte veröffentlicht werden sollen, sogar vor solchen Werken wie Menschen im Staat (das Reichs Thesen über den Roten Faschismus und das Freiheitshausieren, die in Christusmord dargelegt wurden, ergänzt und mit historischem Material konkretisiert) und Der Krebs (das eines der Eckpfeiler von Reichs orgonomischen Erkenntnissen darstellt).

Mit den vorstehenden Fragen und Vorbehalten beabsichtige ich nicht, den Wert dieses Buches in seinem Kontext herabzumindern. Es ist eine brillante Analyse des Prozesses, der beim Übergang von einem natürlichen, sexualbejahenden Matriarchat(19) zu einem sexualverneinenden Patriarchat stattfindet. Reich hat dabei die klassischen Mythenfunde Bachofens über das Matriarchat und dessen sexuelle Freiheit genutzt; Morgans Studien über das irokesische Patriarchat(20) und ihr Kreuz-Vetter-Basen-Ehesystem sowie dessen Erkenntnisse über den natürlichen Inzest unter den natürlich organisierten Urhorden; Engels Schlußfolgerungen über das Matriarchat als dem natürlichen Zustand des Menschen; Roheims unabsichtliche Bestätigung von Kreuz-Vetter-Basen-Ehen unter den australischen Ureinwohnern als Merkmal des sexualverneinenden Patriarchats; und vor allem Malinowskis Studien über das Matriarchat (sic) der Trobriander.

Aus diesen Erkenntnissen schloß Reich, daß das Inzesttabu einen sozialen Ursprung hat. Er stellte fest, daß die ursprünglich inzestuösen matriarchalen Stämme – mit Brüdern und Schwestern als Partner, die gemeinsam Kinder haben – sich in feindselige Clans aufspalteten. Als die Clans sich anfreundeten, wurde die Heirat innerhalb des Clans ausgeschlossen zugunsten von Ehen außerhalb des Clans, was bestimmte Vorteile bot, wie zum Beispiel das Hochzeitsgeschenk. Diese Kreuz-Vetter-Basen-Ehen waren besonders für polygame Häuptlinge von Vorteil, die von den männlichen Verwandten ihrer Frauen großen Reichtum abgreifen konnten. Die Trobriand-Studie bot wertvolle Einblicke in die Verhaltensmuster einer relativ gesünderen Gesellschaft und in die Übergangsprozesse, die vom sexualbejahenden Matriarchat zu seinem Gegenteil – dem sexualverneinenden Patriarchat – führen. Reich zeigt, wie die Einbringung eines wirtschaftlichen Faktors in das trobriandische Modell zu einer genitalen Unterdrückung der Häuptlingstöchter um „guter“ (wirtschaftlich vorteilhafter) Ehen willen führte, die dem Häuptling sowohl sein Heiratsgeschenk an den Ehemann seiner Schwester als auch die Geschenke der anderen männlichen Verwandten zurückbrachten. Damit wird der Weg von der genitalen Unterdrückung zu sexueller Stauung und Neurosen eröffnet, und wir haben den Durchbruch bzw. den „Einbruch“ des sexuellen Moralismus, der sich in den nachfolgenden Generationen fortsetzt. Mit diesen Erkenntnissen widerlegt Reich sowohl Engels Theorie der natürlichen Auslese als auch Freuds Hypothese, daß die aus der Ermordung des Urvaters resultierende Schuld der Ursprung des Inzesttabus ist (Totem und Tabu).

Ein großer Teil des Wertes dieses Buches liegt auch in den Erkenntnissen, die man über natürliche, genitale Verhaltensmuster bei Liebe und Sex gewinnt, sowohl wie Malinowski sie präsentiert als auch in der Interpretation durch Reich. Als Antwort auf die Ängste derer, die sich um die „Kultur“ in einer sexuell gesunden Welt sorgen, vergleicht Reich zum Beispiel das, was er das „Bordellleben“ unserer eigenen Jugend nennt, mit Malinowskis Beschreibungen von Trobriand-Jugendlichen:(21) „(…) nie werden die Partner ausgetauscht, und ‚wildern‘ oder ‚gefälligsein‘ kommt nicht vor. Im Gegenteil, innerhalb des bukumatula [Junggesellenhaus für Jugendliche] wird ein besonderer Ehrenkodex beobachtet, der jedem Bewohner auferlegt, geschlechtliche Rechte innerhalb des Hauses viel sorgsamer zu achten als außerhalb.“ Aus dieser Studie läßt sich viel über die möglichen Trugschlüsse der gegenwärtigen sexuellen Ansichten in unserem Zeitalter der „sexuellen Revolution“ lernen.

Die ökonomische Interpretation des Einbruchs der sexuellen Zwangsmoral zeigt Reichs frühe Beschäftigung mit dem sexuellen Elend. Er gab den ökonomischen Ansatz schnell auf und wandte sich vom Marxismus ab zugunsten einer tieferen Suche nach dem biologischen Kern des Menschen. Die ganze Frage nach dem Ursprung der menschlichen Panzerung geht viel tiefer als die Ökonomie und Reich verstand dies natürlich mehr und mehr, als er mit seinen Entdeckungen der kosmischen Orgonenergie voranschritt. Dies machte er durch seinen Hinweis in Die kosmische Überlagerung(22) auf die ursprüngliche Entwicklung der Selbstwahrnehmungsprozesse des Menschen deutlich:

Daß der Panzerungsprozeß heute über die Gesellschaft und die Kultur reproduziert wird, heißt jedoch nicht unbedingt, daß er bei seiner Entstehung in den frühen Tagen der Menschheitsgeschichte ebenfalls durch sozioökonomische Einflüsse in Gang gebracht wurde. Es scheint eher umgekehrt gewesen zu sein. Der Panzerungsprozeß fand höchstwahrscheinlich zuerst statt, und die sozioökonomischen Bedingungen, die heute und seit Anbeginn der überlieferten Geschichte den gepanzerten Menschen reproduzieren, waren nur die ersten Folgen seiner biologischen Verirrung.
Reich spekuliert dann:(23)

Indem er über das eigene Sein und Funktionieren nachdachte, wandte sich der Mensch unwillkürlich gegen sich selbst (…) erschrak [irgendwie] und zum ersten Mal in der Geschichte seiner Spezies begann [der Mensch], sich gegen seine innere Angst und Verblüffung zu panzern (…) es [ist] gut möglich, daß die erste emotionelle Sperre im Menschen entstand, als sich sein Denken auf das eigene Ich richtete (…) Als er versuchte, sich selbst und das Strömen seiner Energie zu begreifen, STÖRTE DER MENSCH DIESES STRÖMEN UND BEGANN, INDEM ER DIES TAT, SICH ZU PANZERN UND DAMIT VON DER NATUR ABZUWEICHEN.
Jeder, der nur die Sozioökonomie für den Ursprung des menschlichen Elends verantwortlich machen möchte, möge gut über die volle Bedeutung dieser späteren Gedanken von Reich nachdenken. Der Schweregrad des menschlichen Dilemmas sowie die Schritte zu seiner endgültigen Lösung werden im Lichte des oben gesagten etwas deutlicher.

 


Fußnoten

(15) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Wilhelm Reich: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Kiepenheuer & Witsch, 1972. (Original: The Invasion of Compulsory Sex-Morality von [Beruhend auf einer vorläufigen Übersetzung von Werner und Doreen Grossman von Der Einbruch der Sexualmoral] New York: Farrar, Straus and Giroux, 1971.)

(16) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Die Ideologie einer sozialen Schicht ist keine unmittelbare Spiegelung ihrer wirtschaftlichen Lage. (…) Es gibt keine charakterlich-strukturellen Klassengrenzen, wie es wirtschaftliche Grenzen des Einkommens und der sozialen Rangstellung gibt. Es werden nicht ‚Klassenkämpfe‘ zwischen Proletariern und Bürgern geführt (…)“ (Die sexuelle Revolution, Fischer Taschenbuch, 1971, S. 12).

(17) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Einschub in eckige Klammern von Mathews.

(18) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: L. Ferrero Raditsa: „Reich’s Search for Freedom“, The New Leader, Vol. 054, Issue 024 (December 13, 1971)

(19) Der englische Text macht keinen Unterschied zwischen matriarchalen und matrilinearen Gesellschaften, obwohl sie natürlich ganz unterschiedlich sind.

(20) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Aus dem Zusammenhang geht hervor, daß es hier um den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat geht. Reich zufolge ist dabei die Kreuz-Vetter-Basen-Heirat das Hauptelement dieser Transformation.

(21) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 39. Einschub in eckige Klammern von Mathews.

(22) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Die kosmische Überlagerung, Zweitausendeins, 1997, S. 136f. Kursiv in deutscher Übersetzung fehlend.

(23) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Die kosmische Überlagerung, Zweitausendeins, 1997, S. 142f. Die Auszeichnungen der deutschen Ausgabe sind inkorrekt und wurden hier der Originalausgabe (1951) entsprechend angeglichen.

 

 

SEX-POL-ESSAYS, 1929-1934 von Wilhelm Reich

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 7/1, 1973
The American College of Orgonomy

 

Diese Taschenbuch-Anthologie hat eine interessante Geschichte. Nach Reichs Tod 1957 erschienen eine Reihe von Artikeln in verschiedenen Zeitschriften und Magazinen, mal abgesehen von den üblichen verzerrten und sexuell ausbeuterischen Schriften, gaben diese Artikel vor, eine faire Analyse des Reichschen Werkes zu bieten. In der Zeitschrift Liberation
(24) wurde beispielsweise ein Artikel mit dem Titel „Wilhelm Reich: Zwei Beurteilungen“ von Don Calhoun und Paul Goodman(25) veröffentlicht (1). Obwohl Calhoun Reichs wissenschaftlichen Entdeckungen einige Anerkennung zollte, während Goodman sie verunglimpfte, lobten beide Reich als Revolutionär im libertären und anarchistischen Sinne. Damals empfand ich ein Unbehagen an dieser Identifikation, nicht nur, weil Reich, wie Goodman zugab,(26) diese Verbindung verärgert verworfen hatte, sondern auch, weil ich spürte, daß dies ein Vorläufer der gesellschaftspolitischen Verzerrung und Ausbeutung von Reich durch die politische Linke sein könnte – eine, die seine naturwissenschaftlichen und funktionellen Erkenntnisse verleugnen würde, um seine früheren, von ihm selbst zurückgewiesenen, Marxistischen Ideen wiederzubeleben.

Erst in den 1960er Jahren zeichnete sich dieses Muster jedoch deutlich ab und hat sich bis heute fortgesetzt. 1966 widmete eine Zeitschrift mit dem Titel Studies on the Left(27) (einer ihrer Herausgeber war derselbe Lee Baxandall,(28) der den hier besprochenen Band herausgegeben hat)(29) fast eine ganze Ausgabe dem Thema „Wilhelm Reich on Marx and Freud“, ein Heft, das sich aus einer Reihe von bisher unübersetzten frühen Marxistischen Aufsätzen Reichs zusammensetzt. Die Veröffentlichung dieser Ausgabe harmonierte mit linksextremer und neu-linker Agitation in verschiedenen Teilen der Welt und in den USA. Der Vietnamkrieg stand im Mittelpunkt und die Drogenkultur und Gegenkultur gehörten zum revolutionären Arsenal. Viele der Führer und Anhänger dieser Bewegungen proklamierten plötzlich Reich als einen ihrer großen ideologischen Propheten, wobei seine unrevidierten Freudo-Marxistischen Schriften als Teil ihrer Evangelien dienten. Um Baxandall zu zitieren: „Aber in den 1960er Jahren in den Jugendbewegungen der Neuen Linken (…) ist die untergegangene, aber kaum zerfallene Figur von Wilhelm Reich wieder auferstanden, in den Blick gerückt von einer frischen Generation der radikalen Jugend“ (S. vi). Die Idee, die sie unterstützen, ist, daß der patriarchalisch-autoritäre Kapitalismus die Massen durch sexuelle Repression der einen oder anderen Art unterdrückt. Marcuse zufolge wurde dies nicht nur durch sexuelle Unterdrückung, sondern insbesondere durch die „Tyrannei der Genitalität“ gegenüber einer prägenitalen Freiheit-für-Alle herbeigeführt (2). Die Lösung bestand also darin, alle diese Ketten in einer wilden revolutionären Orgie des „befreiten“ Ausdrucks zu brechen, unterstützt durch Drogen, Promiskuität, wahllose Angriffe auf das Establishment usw., um so ein soziopolitisches Nirwana zu erreichen. Auch hier wieder das, was Reich als Freiheitshausieren bezeichnete – völlige Unbekümmertheit darüber, ob die Massen strukturell in der Lage sind, verantwortungsvolle Freiheit zu erlangen.

Anschließend erschienen verschiedene andere Arbeiten in Artikeln, Büchern und Filmen von Rieff, Robinson, Rycroft, Makavejev aus Jugoslawien, Cattier in Frankreich und Luigi(30) in Italien.(31) Das ultimative Thema all dieser Autoren war, daß Reich ein großer Revolutionär, aber ein verrückter Wissenschaftler war.

Nun sind wir mit diesem Band konfrontiert, der von dem bereits erwähnten Lee Baxandall herausgegeben wurde. Mit Reichs eigenen, unrevidierten Marxistischen Schriften und der Pseudoanwendung von Reichs sexuellen Erkenntnissen in der Gegenwart ist es wahrscheinlich der bisher politisch ausbeuterischste Band über Reich. Die Verfasser dieses Buches geben vor, sowohl Freunde oder Sympathisanten einiger Reichscher wissenschaftlicher Erkenntnisse als auch seiner sexologischen und frühen politischen Arbeit zu sein. Damit erfüllen sie eines von Reichs Kriterien für die Emotionelle Pest: „[Sie] bemüht sich sehr darum, als gerecht den Gerechten und vernünftig den Vernünftigen zu erscheinen, und (…) hat sogar Erfolg dabei, gerecht und vernünftig zu erscheinen (...) um in einer sehr schlauen Art und Weise zu verstecken, daß man ungerecht ist und in schädigender Weise unvernünftig“ (3).

Der einzige Unterschied bei dieser Anthologie besteht darin, daß es sich um die erste veröffentlichte englischsprachige Übersetzung der Marxistischen Schriften von Reich in ihrer ursprünglichen, nicht revidierten Form handelt. Als solches besitzt sie eine historische Bedeutung und zeigt, wie Reichs funktionelles Denken in das fehlerhafte Denken und die Schlußfolgerungen dieser Zeit eingedrungen war. Sie enthält bestimmte Artikel von Reich, von denen einige bereits in den oben genannten Studies on the Left veröffentlicht worden sind, darunter „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“(32) (ein Versuch, die beiden zu versöhnen), „Psychoanalyse in der Sowjetunion“(33) (eine Rechtfertigung der schwachen Stellung der Psychoanalyse in dem, was Reich damals „den Arbeiterstaat“ nannte [S. 87], die er dem „wirtschaftlichen Druck“ und „der feindlichen Umzingelung durch kapitalistische Länder“ [ebd.] gemäß dem vorherrschenden Marxistischen Jargon der damaligen Zeit zuschrieb), „Der Einbruch der Sexualmoral“ (4), „Politisierung des Sexualproblems der Jugend“ (später umgeschrieben als Die sexuelle Revolution),(34) „Was ist Klassenbewußtsein?“ und „Reform der Arbeiterbewegung“(35) (im Wesentlichen ein Regelwerk, um die Massen für den Marxismus zu gewinnen). Selbst in diesen letztgenannten Schriften war es ganz klar, daß Reich kein politischer Kommunist war (5, S. 4), da er ihre wichtigsten charakteristischen Merkmale vermied: Verbergen, Verheimlichen und hinterhältige Subversion (5, S. 274-276). „Die Suggestion als Mittel der Massengewinnung gilt nur für die politische Reaktion (…) Die Geheimdiplomatie ist die Politik der Reaktion; sich immer an die Massen wenden (…) ist die Politik der Revolution“ (S. 362f).(36) Warum Reich letztlich von den Marxisten und Kommunisten nicht toleriert wurde, ist klar. Ebenfalls klar ist das Ausmaß seiner eigenen Mißverständnisse über die Natur des Linksradikalismus und linksgerichteter Gruppen jeglicher Art. Später erkannte er diese Eigenschaften als unterschiedliche Erscheinungsformen der rotfaschistischen Emotionellen Pest. So erklärt er seine Fehler wie folgt:

Später stieß ich auf eine gewaltige Fehleinschätzung. (...) Wichtig war nicht mehr der reaktionäre Führer(37) oder der Kapitalist, sondern ausschließlich die „menschliche Natur“, d.h. die menschliche Charakterstruktur, die Unterdrückung nicht nur akzeptierte, sondern tatsächlich bejahte und unterstützte. (...) Mit der Verlagerung des gesellschaftlichen Akzents von kleinen Gruppen, politischen Parteien, einzelnen großen Männern usw. auf die Charakterstruktur der Menschenmassen brach die Sexpol zusammen, denn sie basierte auf dem irrigen Konzept, daß „Rechts schwarz ist“ und „Links weiß ist“ (6).(38)
Die Motive des Herausgebers und seiner Gefolgsleute sind eindeutig. Sie wollen Reich mit den Aktivitäten und Ideen von Linken wie Marcuse, Fanon,(39) Goodman und Cohn-Bendit verbinden, um nur einige zu nennen. Weiterhin impliziert der Herausgeber im Vorwort, daß Reich seine Marxistischen Werke aufgrund seiner Ernüchterung über die damals wirkenden Stalinisten und Freudianer und nicht aufgrund eines wissenschaftlichen Sinneswandels revidiert hätte – daß die Änderungen, die Reich vornahm, eine verständliche Reaktion auf den damals bestehenden kommunistischen und Marxistischen Apparat waren und keine echte Ablehnung des Marxismus an sich und des Konzepts der kapitalistischen Schuld darstellten. Die Betonung der kapitalistischen Schuld ist in den Aussagen des Herausgebers und in der Einleitung von Ollman überall präsent, was darauf hindeutet, daß das Thema des Buches eher politisch und ideologisch ist, statt funktionell und wissenschaftlich wie Reichs Konzepte. Beispielsweise sagt Ollman, wenn es um die Befreiung der Frau geht:

Wie vorhergesagt, können dieselben Qualitäten [der Ungleichheit] im gesamten kapitalistischen Leben beobachtet werden. Ungleichheit (…) und die allgemeine Frustration, die sich daraus ergibt, sind Hauptmerkmale der von Marx beschriebenen Entfremdung [S. xi]. Kurz gesagt, ist das Leben im Kapitalismus nicht nur für unsere Überzeugungen verantwortlich, sondern auch für damit verknüpfte Ideen (…) [und] spontane Reaktionen [S. xviii]. Wenn Reichs „Sexualökonomie“ jemals ein integraler Bestandteil des Marxismus werden soll, müssen die charakteristischen kapitalistischen Qualitäten der sexuellen Unterdrückung (…) näher beleuchtet werden (S. xxv).
Man beachte die Hierarchie, Marx steht über Reich, und vergleiche das obige mit diesem weiteren Reich-Zitat:

Jetzt zu den Kommunisten: ich war nie ein Kommunist im üblichen Sinne. Ich war nie ein politischer Kommunist. Ich möchte, daß Sie das betonen. Niemals. Oh ja, ich habe in der Organisation gearbeitet. Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet. Ich war überzeugt, daß der Kapitalismus schlecht ist, aber ich glaube heute nicht mehr, daß das Elend durch den Kapitalismus verursacht wurde. Das Elend ist älter als der Kapitalismus (5).(40)
„Das Elend ist älter als der Kapitalismus“ – das ist der Kern. Es war Reichs Arbeit mit der Orgasmus-Theorie, mit den Bionen und der Orgonenergie und seine funktionellen sozialen Wahrnehmungen, die sein frühes Denken veränderten – nicht nur eine Ernüchterung hinsichtlich der Mechanismen zur Umsetzung des Sozialismus. Der Sozialismus konnte den Test der Entdeckungen Reichs über das Leben und die Charakterstruktur nicht bestehen. So war die Ablehnung der sozialistischen und Marxistischen Bewegungen und all dessen, was sie an Mechanistischem mit sich brachten, ein natürlicher Auswuchs von Reichs Entdeckungen im biologischen und kosmischen Bereich. Kleinliche politische Köpfe, die im Morast des ökonomischen Determinismus versunken sind (jetzt mit einem Schuß von Reichs Sexualtheorien gewürzt), können Reich und seine Arbeit nur als ein weiteres Werkzeug für ihre bornierten Bestrebungen wahrnehmen. So betrachten sie Reich lediglich als ein „Hinzufügen einer psychologischen Dimension zu Marx‘ Ideologiebegriff“ (S. xviii), oder sie verbinden ihn im schlechtesten Sinne mit einem „revolutionären Potential“ der Bewegung des 22. März(41) in Frankreich und solchen Gefolgsleuten wie Danny Cohn-Bendit – besser bekannt als „Danny der Rote“ (S. xxvi).(42)

Dieser Band mit seinen „unrevidierten Übersetzungen“, darunter mehrere über Techniken zur Politisierung der Massen, ist also nichts anderes als ein weiterer Entwurf für die Art von Revolution, die Reich nicht nur voll Abscheu von sich wies, sondern auch durch die Entdeckung von deren zugrundeliegenden Mechanismen bekämpft hat.

Schließlich ist es bezeichnend, daß in einer persönlichen und öffentlichen Konfrontation, die ich mit einem der Übersetzer(43) dieses Bandes hatte, dieser feststellte, daß Reich sich erheblich irrte als er die Arbeit an Säuglingen und Kindern als den ultimativen Weg in eine bessere Welt betonte. Er zeigte damit, daß er die Essenz von Reichs funktionellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen verfehlt hat.

 

Anhang zur Buchbesprechung

The Journal of Orgonomy vol. 7/2, 1973
The American College of Orgonomy

Brief an den Herausgeber [des Journal of Orgonomy] von Myron R. Sharaf, Ph.D., 1. Juli 1973

In seiner Besprechung der Sex-Pol-Essays, 1929-1934 von Wilhelm Reich (herausgegeben von Lee Baxandall), im Journal of Orgonomy, Vol. 7, No. 1, macht Paul Mathews zu Recht auf die tendenziöse Verwendung dieser Schriften durch den Herausgeber für politische Zwecke aufmerksam. Wenn Mathews seine Rezension jedoch auf diesen Punkt konzentriert, unterschätzt er meiner Meinung nach die Bedeutung der Schriften selbst.

Mathews erwähnt, daß die Schriften von „historischem Interesse“ sind und daß sie offenbaren, wie „Reichs funktionelles Denken in das, was er als das fehlerhafte Denken und die fehlerhaften Schlußfolgerungen dieser Periode betrachtete, eindrang“ (S. 122). Die Aufsätze – insbesondere „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ – zeigen jedoch auch, wie brillant Reich die richtigen Einsichten von Marx und Engels genutzt und erweitert hat. Als Reich 1927 sein ernsthaftes Studium des Marxismus begann, war sein eigenes Werk (vgl. Die Funktion des Orgasmus, 1927) an einem Punkt angelangt, an dem er sich auf eine tiefgreifende Kritik statischer psychoanalytischer Konzepte bezüglich „Kultur“ und „menschlicher Natur“ zubewegte. Bei Marx und Engels fand Reich eine dynamische Denkmethode, die den sozialen und kulturellen Wandel betonte und damit die Veränderung der „menschlichen Natur“. Er griff zu mächtigen konzeptionellen Waffen, die er weiter verfeinerte, um die damals vorherrschende psychoanalytische Tendenz zu bekämpfen, soziale und biologische Faktoren zu „psychologisieren“.

Noch im Jahre 1946, also lange nach der Veröffentlichung wichtiger Arbeiten über Orgonenergie, schrieb Reich, daß „der dialektische Materialismus, wie er von Engels skizziert wurde (…) sich zum biophysikalischen Funktionalismus entwickelte“ (Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 24).(44) Und im gleichen Vorwort schreibt Reich, daß „die Psychoanalyse der Vater und die Soziologie die Mutter der Sexualökonomie ist“ (S. 22).(45) Im Zusammenhang wird deutlich, daß Reich mit „Soziologie“ insbesondere den Marxismus meinte.

Wir brauchen dringend sorgfältige Studien über den Einfluß von Marx auf Reich, z.B. die Ähnlichkeiten als auch die Unterschiede, nicht nur in der Auffassung des Gesellschaftlichen, sondern ebenso in der Denkweise der beiden Männer. Die Veröffentlichung einiger der wichtigsten Sex-Pol-Essays von Reich in einer guten englischen Übersetzung erleichtert diese Art von Studium erheblich. Die Fehler von Marx und die späteren abscheulichen Verzerrungen seiner Gedanken (z.B. der Stalinismus und die Angriffe von „Marxisten“ und „Neomarxisten“ auf die Orgonomie) sollten uns nicht von solch genauen Untersuchungen abhalten.

Um eine Analogie zu verwenden, die auf der Beziehung zwischen Freud und Reich basiert: Psychoanalytiker irren sich gewaltig, wenn sie Reichs analytische Beiträge in den 1920er Jahren als seine „guten“ Publikationen ansehen, denen später eine Degeneration folgte. So auch die „Neue Linke“, wenn sie Reichs Engagement für die Marxistischen Parteien in den frühen 1930er Jahren verherrlicht und die späteren Entwicklungen seines wissenschaftlichen und sozialen Denkens verunglimpft. Diejenigen von uns, die seine Arbeit in ihrer Gesamtheit schätzen, gehen jedoch fehl darin, Marxens Einfluß auf Reichs Entwicklung zu minimieren, wie wir es auch tun würden, wenn wir den enormen Einfluß von Freud herunterspielten.

 

Antwort von Professor Paul Mathews

Lassen Sie mich zunächst sagen, daß ich Myron Sharaf voll und ganz zustimme, daß wir die Untersuchung des Einflusses von Karl Marx auf Wilhelm Reich nicht verhindern oder ausschließen sollten. Genau das meinte ich mit dem „historischen Interesse“ an Reichs frühen Marxistischen Schriften. Es tut mir leid, daß ich den Eindruck erweckte, wir sollten uns ihnen verschließen und uns niemals mit ihnen befassen.

Dennoch war es, wie Dr. Sharaf richtig feststellt, in der Tat meine Absicht, mich auf die Motivationen der Herausgeber dieses Bandes zu konzentrieren und unvorsichtige Leser vor deren Hintergedanken zu warnen, Reich mit einer Bewegung der Neuen Linken in Verbindung zu bringen, die ihm ein Greuel war. Auch dies paßt zu Reichs eigenem Eindruck, daß scheinbar freundliche Schriften – in diesem Fall seine eigenen – gegen das Wohl der Orgonomie verwendet werden könnten. Diese Enthüllung schien mir von größter Bedeutung zu sein und tut es immer noch.

Dies bedeutet nicht, daß diese Schriften keinen funktionellen oder pragmatischen Wert haben, aber wie Dr. Sharaf sehr wohl weiß, hat sich die Orgonomie schließlich sogar noch weiter von Marx und dem Marxismus entfernt als von der Psychoanalyse. Wir verwenden immer noch eine stattliche Anzahl von Freuds Konzepten, um unsere therapeutischen Ziele zu verstehen und umzusetzen, während Reich, abgesehen von den von Sharaf angeführten Zitaten, sagte: „Ich glaube, daß von der Marxschen Lehre nur der lebendige Charakter der menschlichen Produktivkraft bestehenbleiben wird“ (Menschen im Staat, Stroemfeld Verlag, Frankfurt/M., 1995, S. 20).(46) Soweit wir wissen, hat Reich möglicherweise absichtlich den Begriff „Soziologie“ statt „Marxismus“ verwendet, da er „Psychoanalyse“ nicht in „Psychologie“ oder „Verhaltensforschung“ umbenannt hat.

Ja, jeder Aspekt des historischen Einflusses auf Reich ist genauso interessant wie wichtig, aber es wäre falsch, Bereiche überzubewerten, die Reich selbst von sich gewiesen hat oder von denen er meinte, daß sie heute nicht mehr bedeutsam sind, sodaß man sowohl die gegenwärtige Natur und Stellung der Orgonomie als auch ihre Todfeinde aus den Augen verlieren könnte.

 

Literatur

  1. Calhoun, D. und Goodman, P.: „Wilhelm Reich: Two Appraisals“, Liberation, Januar 1958, S. 4-9
  2. Mathews, P.: Besprechung von The Freudian Left von P. Robinson, Journal of Orgonomy 4:136-40, 1970
  3. Reich, W.: „Modju at Work in Journalism“, Orgone Energy Bulletin 5:85-89, 1953
  4. Mathews, P.: Besprechung von The Invasion of Compulsory Sex-Morality von W. Reich, Journal of Orgonomy 6:120-23, 1972
  5. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1967
  6. Reich, W.: „Work Democracy in Action“, Annals of the Orgone Institute, 1:14-15, 1947

 


Fußnoten

(24) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Die Zeitschrift Liberation (1956–1977) war ein Magazin in den Vereinigten Staaten, das in den 1960er Jahren mit der Neuen Linken identifiziert wurde. Die redaktionellen Positionen des Magazins waren mit denen von Dissent und Studies on the Left vergleichbar. Redaktionell unterstützte Liberation die kubanische Revolution, den SDS (Students for a Democratic Society) und den Widerstand gegen den Vietnamkrieg. Hinzu kam die Unterstützung für einseitige nukleare Abrüstung.

(25) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Goodmans Beitrag findet sich in: Paul Goodman: Natur heilt, Edition Humanistische Psychologie, 1989, S.111-116, Kapitel: Ein großer Pionier, aber kein Libertärer.

(26) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Goodman: Natur heilt, S.115: „Lassen sie mich eine persönliche Geschichte erzählen. Reich rief mich 1945 an und bat mich, ihn kurz zu besuchen. Ich war erfreut und erstaunt und hoffte begeistert, daß dieser bemerkenswerte Mann eine Aufgabe für mich hätte. (Mein Problem ist, daß ich der Anleitung bedarf.) Aber er wollte, daß ich aufhörte, seinen Namen mit Anarchisten und Libertären in Verbindung zu bringen – wahrscheinlich hatte er den lobenden Text gelesen, den ich im Juli 1945 in Politics über ihn verfaßt hatte. Ich war von seinem Anliegen überrascht; ich erklärte ihm, daß seine Hauptziele schließlich anarchistische Ziele seien, daß wir ihn bräuchten und er nie etwas gesagt habe, daß uns völlig gegen den Strich ging, wiewohl er einige unbedachte Formulierungen von sich gab. Er bestritt meine Aussagen – es wurde klar, daß er nie Kropotkin gelesen hatte; als ich einige pädagogische Allgemeinplätze aus Fields, Factories and Workshops fallenließ, verriet sein Gesicht charmanterweise eine kindliche Verblüffung – ich war von seiner Offenheit, mit der er seine Überraschung zeigte, sehr beeindruckt. ‚Was macht es Ihnen denn aus, Dr. Reich‘, sagte ich schließlich, ‚wenn wir jungen Leute Sie als Anarchisten bezeichnen?‘ Er erklärte mir – dieses mal zu meinem Überdruß –, daß es für A.S. Neill in England doppelt so schwierig sein würde, seine Oberschicht-Kinder in der progressiven Summerhill-Schule zu halten, falls der Bewegung auch noch der Stempel des Anarchismus aufgedrückt würde.“ Der Artikel in Politics heißt: „Die politische Bedeutung einiger neuerer Revisionen an Freud“, in: Goodman: Natur heilt, S. 71-99.

(27) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Studies on the Left war eine Zeitschrift des Radikalismus der Neuen Linken in den Vereinigten Staaten, die zwischen 1959 und 1967 veröffentlicht wurde.

(28) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Lee Raymond Baxandall (1935 – 2008) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Übersetzer, Redakteur und Aktivist. Er war für sein Engagement in der Neuen Linken mit kulturellen Themen bekannt.
In den 1960er und 1970er Jahren zeigte Baxandall ein starkes Interesse an der Beziehung zwischen Kultur, insbesondere Theater, und Radikalismus. Er übersetzte Stücke von Peter Weiß und Bertolt Brecht, bearbeitete eine Sammlung von Schriften des deutschen Sozialkritikers und Psychologen Wilhelm Reich, verfaßte eine kommentierte Bibliographie zu Marxismus und Ästhetik und schrieb zahlreiche Essays über bedeutende Literaten, darunter Bertolt Brecht und Franz Kafka. (Wiki)

(29) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: SEX-POL-Essays, 1929-1934, by Wilhelm Reich. Edited by Lee Baxandall, with an Introduction by Bertell Ollman. New York, Vintage Books, 1972.

(30) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Luigi De Marchi.

(31) Die meisten davon wurden in früheren Ausgaben des Journal of Orgonomy besprochen.

(32) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Dialectical Materialism and Psychoanalysis, Studies on the Left, 6, Juli-August 1966, S. 5-45.

(33) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Die Stellung der Psychoanalyse in der Sowjetunion, Psychoanalytische Bewegung, Heft 4 (1929).

(34) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Tatsächlich handelt es sich um einen Abschnitt aus Der sexuelle Kampf der Jugend, 1932.

(35) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Grundsätze zur Diskussion über die Neuformierung der Arbeiterbewegung, Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Band 1, Heft 3/4 (1934).

(36) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zitiert aus: Was ist Klassenbewußtsein, Verlag de Munter, Amsterdam 1968, S. 67.

(37) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Führer“ im Originaltext in Deutsch.

(38) Vgl. auch im Vorwort der dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus, S. 22 ff. Reichs Erklärung für seine Ablehnung der „Marxistischen Parteibegriffe“ und anderer in seinen früheren soziopolitischen Schriften seiner Marxistischen Periode.

(39) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Frantz Fanon (1925-1961), französischer Psychiater, Politiker, Schriftsteller und Vordenker der Entkolonialisierung.

(40) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Wilhelm Reich über Sigmund Freud, Schloß Dätzingen 1976, S. 77.

(41) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Die Pariser Demonstrationen 1968 gingen von der Universität Paris-Nanterre aus. Nach einer Aktion gegen den Krieg in Vietnam gründete eine Gruppe von linken Studenten verschiedenster politischer Herkunft an der philosophischen Fakultät die radikale „Bewegung 22. März“. Zunächst wurde das Verwaltungsgebäude besetzt, um hochschulpolitische Ziele, aber auch die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Studentenheimen durchzusetzen. Führende Sprecher dieser Gruppe war u.a. Daniel Cohn-Bendit, der in den folgenden Monaten und Ereignissen auch als „Dany le Rouge“ in der Presse häufig als Redner zitiert wurde. Sein erster öffentlich bekannt gewordener Auftritt fand bei einer Schwimmbadeinweihung in Nanterre am 8. Januar 1968 statt, als er den anwesenden Sport- und Jugendminister öffentlich u.a. dafür kritisierte, sich nicht für die sexuellen Schwierigkeiten der Jugend zu interessieren. (Wiki)

(42) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Im Februar 1967 sprach der französische Trotzkist Boris Fraenkel vor mehreren hundert Studenten der Nanterre-Abteilung der Universität Paris über Reich und die soziale Funktion der sexuellen Unterdrückung. Ich kann persönlich die begeisterte Reaktion des Publikums bezeugen, denn ich war dort. In der Woche nach dem Vortrag wurde Reichs Broschüre Der sexuelle Kampf der Jugend in allen Wohnheimen von Tür zu Tür verkauft. Dies führte zu einer weitverbreiteten Sexualaufklärungskampagne, die – wie Danny Cohn-Bendit uns erzählt – auf den revolutionären Ideen von Reich beruhte und zur Besetzung von Frauen- und Studentenheimen durch Frauen und Männer führte, um gegen ihre restriktiven Regeln zu protestieren“ (S. xxvi, Einleitung von B. Ollman). Zu Ollmans Positionen siehe auch: https://thecharnelhouse.org/2016/06/10/the-marxism-of-wilhelm-reich/

(43) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Übersetzer waren Anna Bostock, Tom DuBose und Lee Baxandall. Es ist wahrscheinlich, daß er Baxandall meint.

(44) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Der dialektische Materialismus, den Engels in seinem Anti-Dühring in den Grundzügen entwickelt hatte, entwickelt sich zum energetischen Funktionalismus.“

(45) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Im Original heißt es: „Die Psychoanalyse ist die Mutter, die Soziologie der Vater der Sexualökonomie.“ In der amerikanischen Übersetzung von 1946 sind Vater und Mutter vertauscht.

(46) Anmerkung des Übersetzers: People in Trouble, New York, 1976, S. 10.
People in Trouble, Rangeley, Maine, 1953, S. 131.
Die Ausgaben von 1953 und 1976 unterscheiden sich in Teilen voneinander. Das Zitat von Reich steht in der späteren Ausgabe in der Einführung.

 

WILHELM REICH, LIFE FORCE EXPLORER von James Wyckoff

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 7/2, 1973
The American College of Orgonomy

 

Der Autor dieses Buches
(47) ist ein Mann, der eine Vielzahl von Berufen ausgeübt hat, darunter „Cowboy, Landstreicher, Totengräber, Grubenarbeiter und Wanderarbeiter in den 30er Jahren“.(48) Nachdem er während des Zweiten Weltkriegs für eine psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses der US-Armee verantwortlich war, veröffentlichte er einen Roman über seine Erfahrungen mit dem Titel The Middle of Time (jetzt vergriffen), der Wilhelm Reich und einem anderen Orgonomen gewidmet war. Er hat auch ein Buch für Kinder, einige Western und einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Gegenwärtig ist er Herausgeber einer bekannten Kinderzeitschrift und einiger Ratgeberbücher. Bei einem so interessanten Hintergrund und seiner Schriftstellerei ist es nicht verwunderlich, daß es ihm gelungen ist, eine so lesenswerte Darstellung über Wilhelm Reich zu verfassen, wenn auch eher anspruchslos. Trotzdem ist es für seinen Umfang überraschend ausführlich.

In seinem Vorwort stellt Herr Wyckoff fest:

Dieses Buch ist keine abschließende Abhandlung über Wilhelm Reich. Es ist nicht einmal das, was man eine Standardbiographie nennt. Vielmehr habe ich niedergeschrieben, wie ich einige von Reichs Ideen verstehe, insbesondere diejenigen, die Energie, die Lebensenergie, betreffen. Das Buch ist eine Annäherung, eine Suche, eine Frage. Wer war Wilhelm Reich und worum ging es ihm?
Wie der Autor so ehrlich gesagt hat, handelt es sich also auch hier um eine Art „persönliche Biographie“,(49) die subjektiv ist und in einem erzählerischen, fast fiktionalen Stil geschrieben ist, nicht unähnlich den medizinischen und wissenschaftlichen Biographien von Paul de Kruif(50) (Microbe Hunters, Hunger Fighters etc.). Dieses Buch hat eine anheimelnde Weisheit an sich und bewegt sich manchmal am Rande mystischer Beweihräucherung. Aber innerhalb seines begrenzten Umfangs ist es gut dokumentiert, mit zahlreichen Hinweisen auf Einflüsse auf Reich als auch auf bestimmte periphere Verbindungen, sprich die Beziehung großer Denker, bestimmter Mystiker usw. zu Reichs funktionellen, wissenschaftlichen Erkenntnissen. Darüber hinaus versucht der Autor immer dann, wenn er eine Meinung oder Beobachtung äußert, diese durch direkte, kontextbezogene und unentstellte Zitate von Reich rational zu untermauern.

Ich fand das Buch sehr lesenswert und interessant. Es war auch eine Erleichterung und ein Vergnügen, etwas über Reich zu lesen, das seine geistige Gesundheit letztendlich nicht in Frage stellt. Dies ist also die erste anständige, popularisierte Version von Reich – ein Geheimtip!

 


Fußnoten

(47) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: James Wyckoff: Wilhelm Reich, Life Force Explorer. Greenwich, Conn.: Fawcett Publications, Inc., 1973

(48) Aus einer persönlichen Mitteilung des Autors.

(49) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Anspielung auf Ilse Ollendorffs „personal biography of Reich“.

(50) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Paul Henry De Kruif (1890 – 1971) war ein US-amerikanischer Mikrobiologe und Autor mehrerer populärer Werke.

 

WILHELM REICH. THE EVOLUTION OF HIS WORK von David Boadella

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 7/2, 1973
The American College of Orgonomy

 

Der Autor dieses Bandes ist Pädagoge und veröffentlicht seine eigene Zeitschrift Energy and Character. Er hat keine Anbindung an die amerikanische Orgonomie. In den vergangenen Jahren war er mit dem englischen Architekten Paul Ritter assoziiert, der unter anderem die inzwischen eingestellte Zeitschrift Orgonomic Functionalism veröffentlichte.

Nun hat David Boadella einen bedeutenden Band über Reich und sein Werk vorgelegt,
(51) der, wie Dr. Myron Sharaf in seiner Besprechung des Buches bemerkt, zum ersten Mal ein „ziemlich vollständiges Bild der Gesamtheit von Reichs Werk und seiner Entwicklung“ (1) vermittelt. Es mag kleinlich erscheinen, aber der Buchumschlag, der die Namen so prominenter Persönlichkeiten wie A.S. Neill, Dr. Ola Raknes und Dr. Myron Sharaf (die alle durch Anhänge früherer Schriften vertreten sind) unter dem großen, hervorstechenden Namen des Autors nebeneinanderstellt, schreckte mich ab. Es scheint eine ziemlich kalkulierte Selbsterhöhung vorzuliegen.

In diesem Buch breitet Boadella sein umfänglich angesammeltes orgonomisches Wissen aus, gut dokumentiert und voller Fakten, und zwar in Form einer ergänzenden Bibliographie der Orgonomie 1953-1960, die zuvor bei Ritter Press erschienen war (2). Wichtig ist jedoch nicht die mechanische Anhäufung von Fakten und Daten, sondern das, was man funktionell damit macht, und Boadella behandelt die objektive Entwicklungsgeschichte von Reichs Werk in einer gleichmäßigen, informativen und gelegentlich auch wissenschaftlichen Weise. Obwohl ich dem Ausmaß des Lobes, das Dr. Sharaf den objektiven Teilen dieses Buches zukommen läßt, nicht zustimmen kann, glaube ich doch, daß Boadella eine lobenswerte Arbeit geleistet hat, indem er Informationen aus Reichs wissenschaftlichen und sozialen Schriften sowie aus verwandten Quellen präsentiert, um eine lesbare, sachliche, einigermaßen genaue Zusammenstellung seiner Arbeit zu schaffen. Er hält sich so eng wie möglich an Reichs eigene Aussagen, verwendet Zitate oder paraphrasiert und hält seine eigenen subjektiven Bewertungen so gering wie möglich. Lobenswert ist auch die Aufnahme mehrerer wichtiger und interessanter Anhänge, insbesondere eine Übersetzung von Roger du Teil’s Mitteilung an die Naturphilosophische Gesellschaft in Nizza 1937, die Reichs Bion-Experimente bestätigt. Es besteht jedoch die Tendenz, Reich mit randständigen und eklektischen Gruppen gleichzusetzen und Personen wie Dr. Alexander Lowen für vorgebliche Beiträge zu Reichs Werk und dessen „Erweiterungen“ mehr als verdiente Anerkennung zu zollen. Etwa hinsichtlich Reichs Konzept der orgastischen Potenz.(52)

Trotz aller scheinbaren Gelehrsamkeit (mit einigen Vorbehalten für Fehler, die auf schlechtes Korrekturlesen zurückzuführen sein könnten) spürt man eine etwas oberflächliche Besserwisserei, eine Art intellektuellen Exhibitionismus, der sich schließlich in drei grauenhaften Schlußkapiteln mit den Titeln „Verschwörung“, „Klima und Landschaft“ und „Schöpfung oder Zerstörung“ voll entfaltet.(53) In diesen Kapiteln enthüllt Boadella das Fortbestehen dessen, was Ritter einmal als eine unzureichend ausgearbeitete „positive Übertragung“ auf Reich bezeichnete (3). Und das ist schade, denn ohne diese destruktiven Kapitel wäre das Buch unendlich viel wertvoller und nützlicher gewesen. Wie die Dinge liegen, wird das weite Panorama von Reichs Werk durch Boadellas Analyse von Reichs sogenannter letzter Periode so besudelt, daß das Buch im ganzen der Orgonomie einen schlechten Dienst erweist und seine Nützlichkeit stark eingeschränkt ist.

Diese drei Schlußkapitel sind im Wesentlichen eine Erweiterung des Themas des von Boadella 1961 veröffentlichten Artikels mit dem Titel „Occupational Hazards in Orgonomy“ (4).(54) Bei der Beurteilung dieser Kapitel muß man bedenken, daß Boadella weder Arzt noch medizinischer Orgonom ist und daher nicht in der Lage ist, Diagnosen zu stellen. Darüber hinaus ist er Reich nie begegnet und hat die meisten seiner Informationen nicht aus erster Hand, sondern indirekt durch Lesen oder Korrespondenz mit anderen Personen als Reich erlangt.

Zusammenfassend behauptet Boadella:

1. Daß das Oranur-Experiment und seine biophysichen Auswirkungen auf Reich den akuten Wendepunkt von dessen Rationalität und geistigen Gesundheit markierte.(55)

2. Daß die Untersuchungen der Food and Drug Administration die zugrundeliegende Erkrankung nur noch verschlimmert haben.(56)

3. Daß folgendes die Beweise für Reichs Paranoia oder Wahnsinn waren:

a. Die angebliche Verschiebung von einer wissenschaftlichen zu einer ad hominem-Haltung gegenüber der Emotionellen Pest, d.h. die Verwendung von Begriffen wie „Modju“, „emotionales Stinktier“, „No-See-Ems“(57) usw. bei der Beschreibung der affektiven Eigenschaften von emotionellen Pestcharakteren.(58)

b. Reichs „fanatischer“ Antikommunismus;(59) seine Verurteilung von Paul Ritter als „Werkzeug“ der Roten Faschisten und sein Verdacht gegen Neill, weil der an Kommunisten in seinem Lehrkörper festhielt;(60) seine Unterstützung Amerikas im Gegensatz zur kommunistischen Welt; und Reichs gesamte „Verschwörungs“-Anklage gegen seine Gegner, Kritiker und Verfolger.

c. Die angebliche Verschlechterung von Reichs wissenschaftlicher Objektivität und Behutsamkeit in seiner letzten Phase; die Außerirdische-DOR-Frage; Reichs Spekulationen über seinen möglichen außerirdischen Ursprung usw.

d. Reichs Neigung zu glauben, daß hohe Beamte in der US-Luftwaffe und der Regierung nicht nur von ihm und seiner Arbeit wußten, sondern ihn tatsächlich unterstützten, zum Beispiel bei seinen Bemühungen feindliche Eindringlinge aus dem Weltraum zu bekämpfen.(61)

Als Antwort auf diese Argumente darf ich die Leser zunächst auf die bereits zitierte Rezension von Myron Sharaf verweisen. Dr. Sharaf weist darauf hin, daß Boadella „in die tückischen Stromschnellen der psychiatrischen Diagnose Reichs“ geraten ist und daß Boadella wirklich nicht in der Lage ist, weder die Gültigkeit von Reichs späteren Erkenntnissen und Hypothesen noch seine Beziehungen zu Mitarbeitern und Studenten zu beurteilen. Er stellt nicht die zugrundeliegenden Motive für Boadellas Behauptungen in Frage, vielleicht weil er ein sanfterer und freundlicherer Mann ist als ich. Beispielsweise beklagt sich Boadella, daß Reich ihn (in einem Brief an Ritter) dafür gegeißelt habe, er habe zu voreilige Schlußfolgerungen über UFOS gezogen, Reich dies jedoch in seinen letzten Tagen selbst getan habe.(62) Hier geht Boadella davon aus, daß eine Schlußfolgerung, zu der er ohne Empirie gelangt ist und eine, zu der Reich durch seinen Erfahrungsschatz kam, in Autorität und Gültigkeit gleichwertig sind. Wie weit ist dies eigentlich von der Arroganz und Verachtung entfernt, die Boadella mit der von ihm betriebenen selbst titulierten „Orgontherapie“ in den 60er Jahren an den Tag legte? Reich war in den 50er Jahren gegenüber Ritter und Boadella ziemlich hart, aber sie setzten ihren eingeschlagenen Weg unbeeindruckt fort und lieferten damals nur einige wenige fadenscheinige Gründe für ihr Verhalten. Aber gab es vielleicht eine unterschwellige Verbitterung gegenüber Reich, weil der sie entlarvte und kritisierte? Reich hat Myron Sharaf einmal gebeten, einen Artikel durchzugehen, den Sharaf selbst geschrieben hatte – einen Artikel, der viele von Reichs Konzepten des charakterbedingten Versteckspiels bejahte –, um zu eruieren, ob dieser von einem Feind der Orgonomie hätte geschrieben sein können (5). Sharaf antwortete schließlich bejahend und sagte, daß er im Kontext verstehen könne, warum eine solche Frage sogar ihm gestellt werden konnte.(63) Möglicherweise könnte diese Frage Boadella am ehesten gestellt werden.

So viele der spezifischen Vorkommnisse und Umstände, die Boadella als Beweis für Reichs Wahnsinn anführt, können funktionell und im Kontext genausogut als rational, ein bißchen eifernd, irrational aber dennoch nachvollziehbar usw. interpretiert werden, statt einen Geist zu konstatieren, der „ohne Unterlaß stolpert“. Dr. Elsworth Baker, kein „Ja-Sager“ gegenüber Reich und sicherlich in einer unendlich besseren Position, um Reichs Zustand und Charakter zu beurteilen, hat uns ein völlig anderes Bild von Reichs letzten Jahren gegeben (6), ebenso wie Dr. Sharaf (7) und Lois Wyvell.(64) Was liegt Boadellas fast drei Kapiteln zugrunde, um zu „beweisen“, daß Reich verrückt war? Wie spielt dies jenen in die Hände, die wollen, daß die Welt solches glaubt? An einem Punkt verwendet Boadella einen rhetorischen Trick, um den Leser nicht nur von Reichs Wahnsinn zu überzeugen, sondern auch davon, daß dieser selbst von der Emotionellen Pest betroffen ist: „Im Falle Reichs hat sich die Aussage bewahrheitet“, schreibt er, „daß wer den Kampf gegen die Pest aufnimmt, selbst von ihr angesteckt wird; in gewisser Hinsicht ging Reich so bei der Abkehr von den besten seiner Einsichten selbst voran“ (S. 274). „Hat sich die Aussage bewahrheitet“, bedeutet natürlich, daß Boadella es so sieht. Boadella regt sich insbesondere über Reichs farbenfrohe Terminologie in Bezug auf emotionelle Pestcharaktere und deren Verhalten auf. Man kann sich nur wundern, in welchem Ausmaß die Angst vor Aggressivität und Direktheit bei Boadella die Wahrnehmung und Bewertung beeinträchtigt.

Ein weiteres Motiv ist die Abneigung und Verachtung des Autors gegenüber Amerika. Er klingt fast schadenfroh bei seinen Äußerungen hinsichtlich der Ironie, daß Reich in den USA endgültig unterdrückt wurde und seinen Untergang fand.(65) Er übersieht dabei natürlich, daß die Unterdrückung größtenteils von Linken kam, sei es in den Medien oder direkt durch Einzelpersonen. Sogar die FDA war bekannt dafür, daß sie von ihnen durchdrungen war. Die gesamte Geschichte von Reichs Verfolgung ist mit Linken und Kommunisten verbunden, sei es in der politischen, soziologischen oder wissenschaftlichen Gemeinde (6 und 7). Boadella ärgert sich jedoch über Reichs Terminologie wie „Roter Faschist“, „die Geißel der Menschheit“ usw., als ob dies nicht der Fall wäre! Ist dies nur ein Mangel an Kontakt und funktionellem Verständnis oder gab es gute Gründe für Reichs Verdacht gegenüber Orgonomic Functionalism(66) in den 1950er Jahren? Reichs Verwendung vieler dieser Begriffe, gegen die Boadella Einwände erhebt, datieren sogar vor dem Oranur-Experiment, das Boadella als Wendepunkt für Reichs geistige Gesundheit erklärt. Wie Sharaf betont, fiel Reichs „Wendepunkt der geistigen Gesundheit“ mit dem Ausmaß zusammen, in dem Gruppen oder Einzelpersonen ihm in die Tiefe seiner Arbeit folgen konnten. Anscheinend war Oranur wirklich Boadellas Wendepunkt – oder war es eine bequeme Ausrede?

Reichs wissenschaftliche Integrität, seine Kreativität und sein Genie, selbst bis zum Ende seines Lebens, bedürfen keiner Verteidigung oder Bestätigung durch mich. Ebensowenig braucht sein Verstand nach Meinung derer einer Verteidigung, die ihm am nächsten standen und in der Lage waren, seinen geistigen Zustand, seine Charakterstruktur und seine Arbeitsfähigkeit zu dieser Zeit zu beurteilen.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Boadellas Buch dermaßen mit solch absurden Schlußfolgerungen behaftet ist, wie: „Als Ausdruck seines Bedürfnisses, die Anerkennung und das Wohlwollen eines Teils der einflußreichen, meinungsbildenden Kräfte in den Vereinigten Staaten zu gewinnen, ist wohl auch der fanatische Kommunistenhaß zu verstehen, den Reich entwickelte und der seine letzten Lebensjahre prägte“, und durch so viele andere Spitzfindigkeiten, daß das, was immer auch an Reichs Werk gut dargelegt wird, letztendlich in den Schmutz gezogen wird. (8)

 

Literatur

  1. Sharaf, M.: Book review of Wilhelm Reich: The Evolution of His Work by D. Boadella, Energy and Character, January, 1973 (Abbotsbury, England)
  2. Boadella, D.: Bibliography on Orgonomy, 1953-60 – First Supplement. Nottingham, England: Ritter Press
  3. Ritter, P.: Editorial in Orgonomic Functionalism, May-July, 1961
  4. Orgonomic Functionalism, May-July, 1961
  5. Sharaf, M.: Preface (November, 1957) to „Hiding and Spying: Organized and Unorganized (1953)“, Orgonomic Functionalism, January, 1959
  6. Baker, E. F.: „Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 1:23-55, 1967
  7. Sharaf, M.: Book review of Wilhelm Reich: A Personal Biography by Ilse Ollendorff Reich, Journal of Orgonomy, 3:254-66, 1969
  8. Ganz, M.: „In the Name of Reich - A Chronicle of Distortions“, Journal of Orgonomy, 5:205-14, 1971

 


Fußnoten

(51) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: David Boadella: Wilhelm Reich: The Evolution of His Work. London: Vision Press, 1973. (Deutsch: Wilhelm Reich. Leben und Werk des Mannes, der in der Sexualität das Problem der modernen Gesellschaft erkannte und der Psychologie neue Wege wies. Scherz-Verlag, Bern und München, 1981.)

(52) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Aus diesem Grunde haben jene beiden Mitarbeiter Reichs – Philipson und Lowen – die am meisten für die Weiterentwicklung seiner Konzepte und für die noch deutlichere Herausarbeitung seiner Unterscheidungen taten, die Orgasmusfunktion in den Zusammenhang der Untersuchung der zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt gestellt. (…) Alexander Lowens Buch Liebe und Orgasmus liefert eine eingehende Untersuchung der sexuellen Funktionen und ihrer Störungen sowie beider Beziehungen zu Kindheitserlebnissen einerseits und zur Persönlichkeitsentwicklung im allgemeinen andererseits. (…) Lowen bekräftigt die Auffassung Reichs, daß orgastische Potenz ein Ausdruck der Gesundheit und nicht ein Patentrezept zu ihrer Erlangung ist, und erteilt damit denen eine deutliche Antwort, die Reichs Ausführungen als einen Versuch mißverstehen, den Orgasmus zum Allheilmittel zu deklarieren. Während Philipson und Lowen die Reichsche Orgasmustheorie für detailliertere Studien des menschlichen Liebeslebens und der Persönlichkeitsstruktur fruchtbar machten (...)“ Boadella, Scherz Verlag, S. 34-36.

(53) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: In der deutschen Ausgabe anderslautend. Vermutlich meint Mathews hier Unterkapitel wie „Die kommunistische Verschwörung“ der deutschen Ausgabe.

(54) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Siehe „Antwort auf David Boadellas ‚Occupational Hazards in Orgonomy‘“ von Paul Mathews.

(55) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Das fortschreitende Hervortreten paranoider Züge in Reichs privatem Verhalten hat seine Frau Ilse Ollendorff geschildert. In akuter Form geschah dies erstmals im Winter 1950/51, als das Oranur-Experiment gestartet wurde. Der zunehmende Einfluß, den wahnhafte Vorstellungen auf sein politisches und soziologisches Denken gewannen, gipfelnd in der Einbildung, die Hetze gegen seine Arbeit von psychiatrischer, medizinischer und pharmazeutischer Seite her sei Teil einer kommunistischen Verschwörung, wurde bereits geschildert. Ich glaube allerdings nicht, daß es vor Juli 1953 zu einem nennenswerten Übergreifen paranoider Vorstellungen auf seine wissenschaftliche Arbeit gekommen ist; diese entscheidende Grenzüberschreitung, dieser mit dramatischer Plötzlichkeit wirksam werdende Bruch, vollzog sich erst in jenem Monat.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 286.

(56) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Als die F.D.A.-Inspektoren ihn des Betrugs beschuldigten, ein klarer Fall von Verleumdung und Beleidigung in ‚Pest-Manier‘, konterte Reich, indem er die F.D.A.-Ermittler anklagte, Spione Moskaus und ‚Higs‘ (hoodlums in govemment, d. h. ‚Gangster in der Regierung‘) zu sein. Schließlich übertraf er mit seinen tollen Anschuldigungen selbst den antikommunistischen Eiferer McCarthy.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 271.

(57) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Winzige und deshalb „unsichtbare“ blutsaugende Mücken. Reichs Bild für den hinterhältigen und feigen pestilenten Charakter, der aus dem Verborgenen mit übler Nachrede arbeitet.

(58) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Mit der Ad-hominem-Argumentation wurde nachträglich auch die norwegische Kampagne gegen Reich von 1938 erklärt (…) Sinngleich mit ‚Modju‘ verwendete Reich die Bezeichnungen ‚emotionelles Stinktier‘ und ‚emotioneller Bandwurm‘. Die ganze Sprache des Artikels über ‚Modju‘ ist eine Sprache schwelenden Hasses. Der Übergang von seiner klinisch-besonnenen Diktion zu dem eigenartigen, ‚wilden‘ Privatjargon der Modju-Welt war eines der ersten Anzeichen dafür, daß Reichs psychische Integrität, nachdem er sie so lange allen ihm hart zusetzenden Erfahrungen zum Trotz bewahrt hatte, schließlich doch zu zerbrechen begann.
Als Reich von der klinischen Auffassung der ‚emotionellen Pest‘ als einer keineswegs nur auf bewußte Böswilligkeit reduzierbaren psychischen Krankheit abzukommen begann und ein politisches Verständnis der Pest als organisierter Spionage und bewußter Konspiration und Klüngelwirtschaft hervorkehrte, gab er sich nicht mehr mit bioenergetisch fundierten Beschreibungen der Krankheit ab; vielmehr fing er an, deren aktivste Vertreter selbst mit ‚Pest-Methoden‘ anzugreifen.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 270f.

(59) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Als Ausdruck seines Bedürfnisses, die Anerkennung und das Wohlwollen eines Teils der einflußreichen, meinungsbildenden Kräfte in den Vereinigten Staaten zu gewinnen, ist wohl auch der fanatische Kommunistenhaß zu verstehen, den Reich entwickelte und der seine letzten Lebensjahre prägte. Der wütende Antikommunismus vieler amerikanischer Politiker ist eine der krassesten Äußerungsformen der virulenten ‚emotionellen Pest‘. Reich stimmte nun in den Chor dieser Fanatiker ein. Und dieser Geisteshaltung entsprang auch der ‚Verschwörungs‘-Vorwurf, der Reichs politisches Denken während seiner letzten Jahre beherrschte. (…) Von diesem Zeitpunkt an wurde der ‚Rote Faschismus‘ zum Hauptfeind, und die klinisch-wissenschaftliche Bedeutung des Begriffes der ‚emotionellen Pest‘ machte einem politischen Gebrauch des Wortes Platz(.)“ Boadella, Scherz Verlag, S. 268f.

(60) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „‚Ritter‘, schrieb er an A. S. Neill, ‚war das Werkzeug der roten Faschisten, die Jean Ritters starke Identifizierung mit ihm mißbrauchten.‘ Selbst Neill, einer der engsten Freunde Reichs, geriet in Verdacht, vielleicht wegen einer Fürsprache für Paul Ritter, vielleicht aber auch, weil in seinem Lehrerkollegium einige Kommunisten waren.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 272.

(61) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Ein weiteres Anzeichen für Reichs wahnhaftes Denken zu jenem Zeitpunkt ist die Tatsache, daß er dieses Gespräch als Indiz dafür deutete, daß die Luftwaffe in der Beurteilung der von den Ufos ausgehenden Gefahr mit seiner Interpretation übereinstimmte. Aus formalen Empfangsbestätigungen und Höflichkeitsantworten, die er auf Schreiben erhielt, die er an verschiedene hohe Regierungsstellen geschickt hatte, schloß er, daß seine Tätigkeit in Regierungskreisen als ‚streng geheim‘ eingestuft werde; dementsprechend sah er in den Militärflugzeugen, die Orgonon überflogen, Wächter, die ihn beschützten, bzw. Dankesbezeigungen für seine Operationen mit dem Wolkenbrecher oder mit der Raumkanone. So suchte und fand er die Bestätigung für seine Überzeugung, daß ihm nun endlich machtvolle Unterstützung und Rückendeckung für seine Forschungen zuteil geworden sei.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 292.

(62) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Als Bestätigung hierfür läßt sich seine scharfe Reaktion auf eine Rezension werten, die ich über ein Buch von Leonard Cramp geschrieben hatte. Ich hatte darin die Reichschen Spekulationen über die Möglichkeit, daß die Ufos Orgonenergie als Antriebskraft benutzen, aufgenommen und sie zu den Beschreibungen in Beziehung gesetzt, die Cramp von verschiedenen Ufo-Erscheinungen gab. All dies war notgedrungen ein tastender und ganz theoretischer Versuch, da es natürlich keine sicheren Fakten gab, auf die man bauen konnte. Reich kommentierte in einem Brief an Paul Ritter diese Rezension: ‚Die Besprechung von Mr. Boadella zu dem Raumschiffbuch erscheint mir korrekt, aber in meinen Augen eilt sie unserem gesicherten Wissen etwas zu weit voraus. Die Thematik ist explosiv und gefährlich. Schon heute ist der Buchmarkt überschwemmt mit den sensationellen, mystischen, pathologischen Spielarten der Tatsachenentstellung. Ich würde äußerste Zurückhaltung vorschlagen.‘“ Boadella, Scherz Verlag, S. 291.

(63) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Myron Sharaf hat berichtet, wie Reich sich über einen – Sharafs – Aufsatz ‚Hiding and Spying‘ (‚Sich verbergen und spionieren‘) äußerte: ‚Beim nochmaligen Durchlesen vermochte ich weitere Zweifel nicht ganz abzuschütteln. Ich hatte das bestimmte Gefühl, daß dieser Aufsatz von Ihnen auch das Werk entweder eines perfekten Modju-Genies oder eines meisterhaften Witzboldes sein könnte. Ich versuche nicht, Ihnen Angst einzujagen oder Sie zu beleidigen (…) Ich bitte Sie deshalb darum, Ihren eigenen Aufsatz sorgfältig zu analysieren und sich eine Meinung zu den folgenden zwei Fragen zu bilden: 1. Könnte dieser Aufsatz, wie er dasteht, von einem überzeugten, ausgewachsenen politischen Modju verfaßt worden sein? Wenn ja, wie? 2. Könnte diesen Aufsatz ein scharfsinniger Witzbold geschrieben haben, um die Orgonomie in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren? Wenn ja, wie?‘“ Boadella, Scherz Verlag, S. 271f.

(64) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Lois Wyvell: An Appreciation of Reich. Journal of Orgonomy, 7:170-186, 1973.

(65) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: „Denn nun ließ ihn eine tiefe Furcht davor, durch diesen neuerlichen Angriff wieder ‚heimatlos‘ zu werden, Hilfe und Sicherheit bei einer Instanz suchen, die ihm beides, wie sich zeigen sollte, nicht geben konnte: bei der amerikanischen Verfassung.
1945, in Listen, Little Man, hatte er geschrieben: ‚Derjenige, der das Leben vor der emotionellen Pest zu schützen hat, muß das Recht auf freie Rede zu gebrauchen lernen, wie wir es in Amerika genießen.‘ Wie ironisch wirkt dieser Satz angesichts der späteren Verbrennung seiner Bücher; aber sein Glaube an die amerikanische Demokratie war eine Illusion, die Reich zu diesem Zeitpunkt schon zu nötig brauchte, um noch von ihr lassen zu können. Sie kontrastierte grell mit der erhellenden Klarheit seiner wirklichen Einsichten, und dies war ein Teil ihrer Funktion. Neill schrieb: ‚Einer meiner Briefe, in dem ich die russisch anmutenden Säuberungen des Senators McCarthy verdammt hatte, brachte mir eine zornige Erwiderung von ihm ein. Für ihn, den selbst so Aufrichtigen, bedeutete die Freiheitsstatue genau das, was sie verhieß.‘ Aber diese Art der Selbsttäuschung hat nichts mit Aufrichtigkeit zu tun. Wenn Reich sich selbst gegenüber ehrlich war, sah er, daß die Gesellschaft, in Amerika ebensogut wie irgendwo anders, zutiefst krank war. Wenn er unaufrichtig war und es nötig hatte, sich selbst vor der einen oder anderen Konsequenz der eigenen, schlüssigen Wahrnehmungen zu schützen, neigte er dazu, gewisse Dinge ‚zum Nennwert‘ zu nehmen, nur die Oberfläche zu sehen.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 268.

(66) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Siehe „Leserbrief an Paul Ritters Zeitschrift ORGONOMIC FUNCTIONALISM (1959)“ von Paul Mathews.

 

THE CASE AGAINST PORNOGRAPHY von David Holbrook

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 8/1, 1974
The American College of Orgonomy

 

Dieser Band
(68) ist eine Anthologie von Schriften über Pornographie von verschiedenen prominenten Persönlichkeiten aus den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie, Philosophie, Soziologie, Bildung und Journalismus. Er wurde ursprünglich in Großbritannien veröffentlicht und ist eines der ganz wenigen Bücher, das eindeutig gegen Pornographie Stellung bezieht. Als solches ist es, ungeachtet einiger Schwächen, äußerst wertvoll. Nur ein Artikel, der von David Boadella, drückt Reichs funktionellen Standpunkt aus, und das recht gut.(69) Die anderen Artikel beschreiben zwar klar die emotionalen, sozialen und moralischen Folgen der Pornographie, behandeln aber nicht die energetischen Faktoren als entscheidende Kontraindikationen der Pornographie. Die Autoren präsentieren klinische Fallstudien, die den Zusammenhang zwischen pornographischen Fantasien und pathologischer kindlicher Entwicklung zeigen. Diskutiert wird über die entmenschlichenden und brutalisierenden Auswirkungen von Pornographie, die zu sozialen Phänomenen wie nazistischen und kommunistischen Extremen führen können, als Aspekte des allgemeinen moralischen Niedergangs. Über die schizoide Natur von Praktiken, die die Sexualität von der Liebe (Rollo May) und von der Sinnhaftigkeit (Viktor Frankl) trennen. Und über die allgemeine Wirkung von Pornographie auf soziale Störungen.

Orgonomisch betrachtet wissen wir, daß Pornographie funktionell identisch ist mit orgastischer Impotenz und schwerer Panzerung. So daß sie Ausdruck der sekundären, perversen Schicht der menschlichen Struktur ist, wie sie von Reich skizziert wurde. Wo Liebe nicht frei fließen kann, wird sie durch Haß und Entstellung ersetzt. Ein Ausdruck dieses Hasses ist die moralische Unterdrückung jeglichen sexuellen Ausdrucks. Die andere Seite ist Pornographie, d.h. „alles ist erlaubt“. Beide haben den Zweck, die natürliche genitale Sexualität zu zerstören, ob sie nun ganz dagegen oder ganz „dafür“ sind. Das folgende Zitat aus einem Leitartikel der London Times aus dem Jahr 1970, das in diesem Buch abgedruckt ist, klingt daher zutreffend: „Die Pornographie hat immer irgendwo einen Haß auf den Menschen an sich, sowohl auf den Menschen als ein menschliches Wesen, das in der Lage ist, Idealen zu entsprechen, als auch auf den Menschen als ein Tier. Pornographie ist keine Bejahung, sondern eine Verleugnung des Lebens und kommerzielle Pornographie ist eine Verleugnung des Lebens um des Geldes willen.“

In einem Zitat aus Dreams and Symbols(70) von Leopold Caligor und Rollo May heißt es: „… die heutigen Patienten scheinen in ihren Träumen insgesamt mit dem Kopf und den Genitalien beschäftigt zu sein und das Herz auszulassen“. Leider muß man sich fragen, inwieweit diese Autoren auch die Genitalien weglassen möchten. Hier liegt zum Teil eine Schwäche dieses Bandes. Zu viele der Autoren schreiben unter dem Gesichtspunkt einer idealistischen, mystischen Sichtweise von Sex und Liebe (die immer noch der mechanistischen, nihilistischen vorzuziehen ist), trennen beide und drücken eine fast abstrakte Präferenz für die Liebe aus. Eine solche Ansicht steht im Einklang mit dem, was Dr. Theodore P. Wolfe als „psycho-physischen Parallelismus“ bezeichnete.

Eine weitere Schwäche liegt in der Definition von Pornographie als „obszöne Schriften oder Bilder, die dazu bestimmt sind, sexuelle Erregung hervorzurufen“ (Masud R. Khan), was impliziert, daß Sexualität selbst obszön ist. Diese Definition macht keinen Unterschied zwischen prägenitalen Fixierungen oder Perversionen und natürlicher sexueller Erregung. Tatsächlich könnte man noch weitergehen und sagen, daß das, was durch Pornographie erregt wird, nur die prägenitalen oder perversen Neigungen sind, nicht aber die Genitalität. Pornographie dämpft entweder die genitale Empfindung oder setzt umgekehrt sekundäre Impulse frei, die für den Einzelnen und die Gesellschaft gefährlich und zerstörerisch sind. Es ist dieser Prozeß, der für die in diesem Buch so beklagten „entmenschlichenden“ Tendenzen verantwortlich ist.

Ich muß gestehen, daß mich die Anti-Pornographie-Erklärung von Dr. Benjamin Spock, angesichts seiner engen Verbindung zu jenen Elementen des militanten Aktivismus und Dissenses, die die Gegenseite vertreten, etwas verwundert hat. Wie der Herausgeber Holbrook in seiner Einleitung fragt: „Wie [wurde] Pornographie jemals Teil von ‚Protest‘ und ‚progressiver‘ Politik?“ Die Antwort ist natürlich, daß sie niemals Teil eines echten Protests und einer echten Fortschrittlichkeit werden kann, genausowenig wie sie Teil dessen sein kann, was Reich als „echte Revolution“ bezeichnete. Sie kann sowohl von denen benutzt werden, die ihr zerstörerisches Potential spüren, als auch von denen, die sich wie Marcuse nur deshalb dagegen aussprechen, weil sie fast alle sexuellen Reize als hemmend für den „revolutionären“ Eifer empfinden. Der von ihnen verwendete Begriff ist, wie von Boadella erwähnt, „repressive Entsublimierung“.(71)

Die Tatsache, daß einige Personen aus den falschen Gründen gegen Pornographie sind, sollte jedoch niemanden davon abhalten, sich aus den richtigen Gründen gegen sie zu stellen. Ebensowenig darf man sich davon abhalten lassen, sich gegen den Kommunismus zu stellen, auch wenn einige Personen, die sich ihm widersetzen, versteckte persönliche Motive haben. Die Pornographie als Ausdruck der sekundären Schicht knüpft leicht an die emotionellen politischen Pestreaktionen sowohl der nazistischen Rechten als auch der kommunistischen Linken an. Hier besteht eine echte symbiotische Beziehung, in der das gemeinsame Funktionsprinzip der Haß auf die Genitalität und das Leben ist. Einen sehr guten Artikel über den gesellschaftspolitischen Aspekt der Pornographie präsentiert Ronald Butt mit dem Titel „The Mistakes Liberals Make“. Er zeigt deutlich die soziopolitische Schizophrenie der Liberalen auf und wie sie zur Verwirrung beitragen.(72)

Alles in allem kann der Leser viel über die destruktive Dynamik und den Überbau der Pornographie lernen, wenn man sich diesem Buch mit einem Verständnis seiner funktionellen Mängel und seiner Grundlage im moralischen und philosophischen Idealismus anfreunden kann. Es ist ein wertvoller Beitrag im Kampf gegen die lebensfeindlichen Kräfte.

 


Fußnoten

(68) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: The Case Against Pornography. Herausgegeben von David Holbrook. New York: The Library Press, 1973. (Dieser „David Holbrook“ hat nichts mit dem gleichnamigen Orgoomen zu tun!)

(69) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: In Reichianische Bücher (Teil 3), (S. 218f) wurde durch den Übersetzer der 1997 in dem Sammelband Nach Reich in deutscher Übersetzung abgedruckte Artikel Boadellas „Die Wiederkehr des Unterdrückten“ (1972) brutal abgekanzelt. Wobei zu bedenken ist, daß Nach Reich einen vollkommen anderen Anspruch hatte, als das von Prof. Mathews besprochene Buch.

(70) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Leopold Caligor, Rollo May: Dreams and Symbols, Man’s Unconscious Language. New York: Basic Books, 1968. Deutsch: Die Sprache des Unbewußten. München: Kindler, 1973.

(71) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: https://de.wikipedia.org/wiki/Repressive_Entsublimierung

(72) Herausgeber Holbrook weist (Seite 2) auf die irreführenden Aussagen über die angebliche Reduzierung von Sexualverbrechen in Dänemark hin, wo Pornographie seit vielen Jahren grassiert. Er stellt fest, daß es „keinen Rückgang bei schweren Sexualstraftaten gegeben hat – nur bei kleineren wie Exhibitionismus, die jetzt legal in Studios und Clubs begangen werden“ – und daß „Gewaltdelikte mit zunehmender Toleranz gegenüber Pornographie zugenommen haben“. Zum Beispiel führt er New York mit 30% Zunahme der Morde, Schweden mit einer Zunahme von Gewaltverbrechen um 12% an, usw.

 

REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz

Buchbesprechung von Paul Mathews, M.A.

The Journal of Orgonomy vol. 20/2, 1986
The American College of Orgonomy

 

Ich nehme an, es war unvermeidlich, daß jemand ein Buch über Reich mit dem Titel Reich – for Beginners
(73)(74) schreiben würde. Ehrgeizig durchläuft der Autor das gesamte Spektrum von Reichs Leben und Werk von der Kindheit bis zum Tod, von der Psychoanalyse bis zum Cloudbusting. Wie erfolgreich er ist, ist eine andere Sache. Nicht unpassend für den Titel ist das Comic-Format. David Mairowitz, der Autor, zeigt dennoch mehr als Anfängerwissen über Reich und manchmal sogar ein Verstehen. Es ist offensichtlich, daß er seine Hausaufgaben gemacht hat und einen ironischen und satirischen Sinn für Humor hat. Es ist auch offensichtlich, daß dieser 174-seitige Band viele Unklarheiten und Zweideutigkeiten sowie einige Fehler und Verzerrungen enthält.

Letztere manifestieren sich in mehreren „Kritiken“ und „Zwischenbemerkungen“, in denen der Autor seine eigenen Vorstellungen und Interpretationen über Reich zu mehreren entscheidenden Fragen darlegt. Die erste dieser „Kritiken“ wirft Reich vor, „genital besessen“ zu sein. Hier legt der Autor seine eigene These dar, daß es eine Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Sexualität gibt, „die oft erbringt, daß sexuelle Lust nicht unbedingt vollständig auf der genitalen Hingabe beruhen muß“. Er stellt fest, daß die Stimulation der Klitoris auch eine Funktion der sexuellen Befriedigung bei Frauen ist, … „wobei ein männlicher Partner nicht einmal nötig ist“. Offensichtlich hat der Autor bei all seiner Lektüren und seinen Studien über Reich den häufig gemachten Standpunkt von Reich und seinen Mitarbeitern übersehen, daß prägenitale Funktionen sehr wohl eine Rolle für die sexuelle Lust spielen und nur dann pathologisch werden, wenn sie das Endziel der genitalen orgastischen Befriedigung ersetzen.

Der Autor geißelt Reich als „Neandertaler“ auch wegen dessen angeblich „lebenslangen Haltung zur männlichen Homosexualität“. Er stellt fest, daß Reich Homosexualität als „Abweichung, die geheilt werden sollte“, betrachtete, daß er nie einen homosexuellen Patienten angenommen habe und daß er, einmal darum gebeten, geantwortet habe: „Ich will mit solchen Schweinereien nichts zu tun haben.“(75) Wiederum irrt er sich, was die Behandlung homosexueller Patienten durch Reich betrifft. Es nicht getan zu haben, wäre eine Unwahrscheinlichkeit für jemanden, der die Struktur des passiv-femininen Charakters klar verstanden und der den Artikel Das Problem der Homosexualität (Journal of Orgonomy, 20(1), 1986)(76) geschrieben hat, in dem er unmißverständlich seine Mißbilligung der moralistischen, nichtklinischen Geringschätzung und Verfolgung von Homosexuellen zum Ausdruck bringt. Reich ist sich über die Pathologie der Homosexualität im Klaren und zwar unmißverständlich, warnt aber vor einer moralischen und rechtlichen Verurteilung eines opferlosen, pathologischen Musters des sexuellen Ausdrucks. Der Autor hat seine Informationen offensichtlich aus dem Buch von Reichs ehemaliger Frau Ilse Ollendorff. Es ist weithin anerkannt, daß ehemalige Ehepartner häufig keine glaubwürdigen Quellen für genaue Informationen übereinander sind.

Letzteres würde auch für die „Kritik Nr. 2“ des Autors gelten, die sich mit Reichs „Widersprüchen“ in Bezug auf seine Haltung gegenüber der militärischen Autorität und der Disziplin seiner eigenen Kinder befaßt. Die Frage ist, ob diese angeblichen Ungereimtheiten tatsächlich bestanden oder auf einem Mißverstehen von Reichs Beharren auf der Unterscheidung zwischen Freiheit und Zügellosigkeit beruhen. Es war auch klar, daß Reich starke Gefühle für die Unterstützung rationaler militärischer Autorität und Maßnahmen gegen eine bedrohliche „bewaffnete, organisierte Emotionelle Pest“, wie er es nannte, hegte. Die Tatsache, wie gesagt, daß sein Sohn Peter diesen Aspekt des Denkens seines Vaters bedauerte, gibt Peter nicht notwendigerweise recht und Reich nicht unrecht.

In der letzteren Kritik offenbart der Autor etwas von seiner eigenen Ideologie, d.h. antimilitärisch, gegen das Establishment, pro-vietnamesisch („Peter, der für die US-Militärmaschinerie gegen das Volk von Indochina kämpfte...“). In der folgenden „Kritik Nr. 3“ offenbart er weiter seine politische und ideologische Neigung. Hier zeigt er seine Unzufriedenheit über Reichs Ablehnung eines politischen Wegs zur Veränderung und erhebt den Vorwurf: „Einige seiner götzendienerischen Jünger – darunter die Herausgeber seines Nachlasses – behaupten gar, ‚er ist nie politisch eingestellt gewesen‘. Als ob das ein so schreckliches Stigma wäre!“

Natürlich hat Reich selbst seine Politik geleugnet – und erklärt, er sei nie ein „politischer Kommunist“ gewesen, womit er einen ideologischen, nicht funktionellen gemeint hatte. Reich – und „seine götzendienerischen Jünger“ – haben es nie abgelehnt, den politischen Prozeß funktionell zu nutzen, d.h. zu funktionellen, orgonomischen Zwecken im Vergleich zu mystischen, mechanistischen. Es ist wie der Unterschied zwischen neurotischer und rationaler Aggression im Dienste der von Selbstverteidigung und gesunder Leistung. In diesen Kritiken offenbart der Autor seinen schwerwiegendsten Mangel – eine Unfähigkeit zum funktionellen Denken.

Wenn sich der Autor in das Feld von Reichs späteren Entdeckungen begibt – die Bione, die Orgonenergie, das DOR, die Überlagerung, das Cloudbusting – stellt er sie auf ziemlich klare, wenn auch rudimentäre Weise dar. Er stellt jedoch diese Periode von Reichs Leben und Werk in Frage, indem er betont, daß an diesem Punkt seine „Paranoia und Obsessionen zunehmen“. Außerdem stellt er fest: „Entweder seine [Reichs] Entdeckungen stimmen und 99 Prozent der früheren Wissenschaft ist Schrott, oder WR bereitet seine Wahl auf den Thron Gottes vor.“ Hier läßt der Autor einem – so wie er es präsentiert – keine größere Wahl als Letzteres.

Dann wird der Autor zunehmend ironisch und ein wenig sarkastisch über Reichs Einreise in die Vereinigten Staaten und seine Begeisterung für sie. Er stellt die Einstein-Affäre in einer verzerrten Weise dar, so daß Reich verblendet und gegen Rote hetzend erscheint. Der Autor stellt fest: „Reich wendet sich jetzt nach innen“ und die „Arbeitsdemokratie ist eine Art Charakterpanzer“. Weiter stellt er mißbilligend fest: „Bedauerlich für zukünftige Zeiten ist, daß er sie [seine Bücher in englischer Übersetzung] ‚durchsieht‘ und so überarbeitet, daß sie mit seiner Entdeckung des Orgons übereinstimmen.“ Offensichtlich zieht Mairowitz die „politische“ Orientierung vor.

Der Rest des Buches ist einer von Abneigung geprägten Sicht auf die Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren gewidmet, mit ihrer Verurteilung von Alger Hiss(77) als Meineidigem auf Seiten der Roten und der Hinrichtung der „sogenannten ‚Atom-Spione‘ Ethel und Julius Rosenberg“ („auf dem elektrischen Stuhl geröstet“). Er spricht verächtlich von Eisenhower, als „einen Kriegsgeneral, der kaum das Wort ’nuklear‘ aussprechen kann und der Präsident werden soll“. Aus diesem Grund, meint Mairowitz, „kann ein bösartiger Kommunismus-Renegat wie Reich jetzt gar nicht anders, als kräftig in die Schmähungen gegen ‚Rote Faschisten‘, ‚Heckenschützen‘ der Kommunistischen Partei und ‚Chinesische Rote Teufel‘ einzustimmen“. Mairowitz glaubt den letzteren Beschreibungen offensichtlich nicht. Für ihn ist man „bösartig“, wenn man antikommunistisch ist. Interessanterweise habe ich den Begriff „bösartig“ zur Beschreibung eines Nazigegners noch nie verwendet gesehen. Reich wird der Mystifizierung der Kinder beschuldigt, das Konzept der Emotionellen Pest leite sich aus seiner „theologischen Vision“ ab, die eine „Quelle des Bösen“ erfordert – und anderen solchen Unsinn. Auf alle Fälle zeugt dieser letzte Teil des Buches von der offensichtlichen linken Orientierung des Autors, auch wenn er in bestimmten Passagen kritisch gegenüber der Linken sein kann – aber als freundlicher Kritiker. Etwas, was er jedoch niemals im Fall der Rechten ist.

Das Buch endet mit dem schließlichen Tod Reichs nach der Verfolgung und dem Prozeß durch die FDA. Es gereicht dem Autor zur Ehre, daß er die Nachwirkungen von Reichs Tod in einem „Epilog“(78) erzählt, in dem er den Mißbrauch von Reichs Sexualtheorien durch die Neue Linke, die reaktionären sexuellen Vorstellungen des pädiatrischen Helden der Linken, Dr. Benjamin Spock, und den Wahnsinn derjenigen beschreibt, die Reich als „Irren“ bezeichneten – all dies sollte deutlich machen, was ich mit den „Unklarheiten und Zweideutigkeiten“ des Autors meine.

Dies wird noch durch seine „Schlußbemerkung“ unterstrichen, in der er seine europäische, wiewohl britische, Überlegenheit gegenüber Reichs „derzeitigen Treuhändern, Herausgebern, Übersetzern usw. zeigt, [die] vor allem Amerikaner sind, die ihn erst gegen Ende seines Lebens [d.h. seiner Orgonphase] kannten und die im Allgemeinen seine ‚antipolitische‘ Voreingenommenheit teilen“. Er informiert und warnt seine Leser, daß die gegenwärtige Arbeit der „Reichianer“ sich „nur aus einem schmalen Bereich Reichs entwickelt. Sie spiegeln die eher ‚private‘ Phase von WR wider. Sie sind nicht die Erbsöhne des Mannes, der illegale Abtreibungen (usw.) arrangierte, oder gar des ‚Verrückten‘, der sagte: ‚Wir werden lernen, den mörderischen Formen der Atomenergie die lebensfördernde Funktion der Orgonenergie entgegenzusetzen, um sie damit unschädlich zu machen.’“

Er wirft also die „Neo-Reichianer“ und die „Post-Reichianer“ in einen Topf mit den Orgonomen und versucht, die Ziele der Orgonomie zu ändern, von der Arbeit für den Wandel durch die Erziehung gesünderer Kinder und die Wiederherstellung der Genitalität bei nicht gesunden Menschen hin zu einem politischen Aktivismus der einen oder anderen Art – genau das Gegenteil von Reichs letztendlichen Erkenntnissen und Schlußfolgerungen.

Ich persönlich empfand das Comic-Format geschmacklos, als ablenkend und unangemessen für die Ernsthaftigkeit und Tiefe des Materials, das es zu bieten vorgibt.

 


Fußnoten

(73) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: David Zane Mairowitz, Reich – for Beginners. Writers and Readers Publishing, Inc., New York, 1986 (Deutsch: Wilhelm Reich kurz und knapp, Zweitausendeins, Frankfurt/M, 1995, 167 Seiten)

(74) Vielleich sollte man darauf hinweisen, daß dieser Band zu einer Reihe von Büchern „für Anfänger“ gehört, die sich hauptsächlich mit linken Figuren wie Marx, Lenin und Engels beschäftigt haben – obwohl auch Einstein und Freud enthalten sind.

(75) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zitat im Original in Deutsch.

(76) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Ein Abschnitt aus Der sexuelle Kampf der Jugend (Sexualpolitischer Verlag, Berlin 1932).

(77) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Alger Hiss (1904-1996) war ein amerikanischer Rechtsanwalt und Regierungsbeamter, dem Spionage für die Sowjetunion vorgeworfen wurde und den 1950 ein Bundesgericht wegen Meineid zu fünf Jahren Gefängnis verurteilte. Bis zu seinem Lebensende bestritt Hiss die Vorwürfe. Seit der Auswertung sowjetischer Archivmaterialien herrscht unter amerikanischen Historikern die Auffassung vor, daß er Informant der sowjetischen Geheimdienste war. Auch die in Moskau erscheinende Tageszeitung Prawda nannte Hiss einen sowjetischen Spion. (Wiki)

(78) ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS: Zitat aus http://www.lsr-projekt.de/miscwr.html: „Leider fehlen in der deutschen Ausgabe die sieben Seiten des ´Epilogs`, in dem Mairowitz einige Schlaglichter auf die Folgen der fehlgegangenen bzw. ausgebliebenen Rezeption Reichs wirft und auf einige nicht weithin bekannte, aber durchaus wichtige Eigentümlichkeiten der Editionspraxis Reichs und seiner Nachlaßverwalter hinweist.“

 

 

zuletzt geändert
07.03.22

 

Copyright © 2022