W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Wie du Menschen helfen kannst, die dir wichtig sind, auch wenn du kein Therapeut bist

David Holbrook, M.D.

 

(Ich habe diesen Beitrag ursprünglich im Jahr 2018 veröffentlicht, aber einige Ergänzungen und Überarbeitungen vorgenommen, einschließlich einiger Vergleiche mit der Politik.)

Menschen (einschließlich der meisten Therapeuten) unterschätzen bei weitem die Macht, die es hat, einfach einem anderen Menschen zuzuhören, was immer es sei, was dieser zum Ausdruck bringen muß, bis er genug hat.

Da es in der Menschheitsgeschichte noch nie eine Kultur gegeben hat, die Emotionen verstanden hat und keine Angst vor ihnen hatte, wird uns allen implizit beigebracht, daß die schmerzhaften oder beängstigenden Emotionen eine Büchse der Pandora sind, deren Deckel niemals geöffnet werden dürfe. Dieses Mißverständnis ist darauf zurückzuführen, daß bis zum Auftreten des österreichischen Psychiaters Wilhelm Reich der Kern der menschlichen Natur nicht erkannt wurde. Alles, was wahrgenommen wurde, war das, was Reich die Mittlere Schicht nannte, die Schicht zwischen der oberflächlichen Fassade der Persönlichkeit und dem tiefen, natürlichen und gesunden Kern. Die Mittlere Schicht enthält all die verzerrten, zerstörerischen und furchterregenden Emotionen, die erzeugt wurden durch den „Panzer“, die Abwehrfunktionen der Psyche (die auch physiologisch funktionieren, zumindest teilweise in der psychischen und somatischen Funktion vermittelt durch das autonome Nervensystem).

Alle bisherigen Denksysteme, einschließlich aller Religionen und politischen Philosophien, haben den Kern nicht ergründet und die mittleren und oberflächlichen Schichten der menschlichen biopsychischen Struktur nicht verstanden. Infolgedessen wurde die Mittlere Schicht fälschlicherweise als die Kernnatur des Menschen wahrgenommen, weil der Kern durch die Mittlere Schicht verdeckt wurde und nicht wahrgenommen werden konnte. Wenn es wahr wäre, daß es keinen gesunden Kern im Menschen gibt und seine innerste Natur nur aus den Inhalten der zerstörerischen Mitteleren Schicht besteht, wäre es absolut richtig, daß die einzige Option sei, die Büchse der Pandora verschlossen zu halten. Und diese Büchse-der-Pandora-Theorie der menschlichen Emotion ist die Grundlage aller vorangegangenen menschlichen Denksysteme, bevor Reich das „funktionelle“ Denken einführte: Denken, das darauf basiert, wie die Natur tatsächlich funktioniert.

Das Verständnis der Natur des Kerns öffnet das Tor, um die Angst zu verlieren, störenden Emotionen zuzuhören und ihnen eine Chance zu geben sich auszudrücken. Aus Angst vor Emotionen besteht die Tendenz einen Leidenden vorzeitig zu beruhigen oder ihm vorzeitig irgendwelche Ratschläge zu erteilen, um ihn von schmerzhaften Emotionen abzulenken, die als zu destruktiv oder beängstigend empfunden werden, um sie zu fühlen oder auszudrücken. Dieses Mißverständnis basiert auf der Annahme, daß es für Menschen schlecht sein muß, mit ihren unangenehmen Emotionen in Kontakt zu treten und diese auszudrücken. Infolgedessen unternehmen wohlmeinende, aber kontaktlose Menschen alle möglichen Manöver, um alle Löcher, die im Panzer von jemandem erscheinen, schnell zu stopfen, bevor all das „schlechte Zeugs“ herauskommt und „das Ruder übernimmt“. (Politische Theorien der Linken zeigen ebenfalls ein Mißtrauen in die Funktionsweise des Kerns und schlagen idealisierte, oberflächliche Lösungen vor, die in Wirklichkeit unglaublich zerstörerisch sind, wenn sie angewendet werden.) Es gibt keine Wahrnehmung des Kerns, also gibt es keinen Glauben an das Gute, keinen Glauben, daß das Gute das Böse besiegen wird. In Wirklichkeit ist es jedoch von großem Nutzen, einfach und ruhig jemandem zuzuhören, der seinen Schmerz, seine Angst oder seinen Zorn zum Ausdruck bringt, und es kann viel Gutes dabei herauskommen.

Eine verwandte Sache hinsichtlich der Emotionen, die nicht verstanden wird, ist, daß die Fähigkeit zur Vernunft auf einem gesunden emotionalen Funktionieren basiert und nicht umgekehrt. Infolgedessen ist es oft fruchtlos und sogar kontraproduktiv, zu versuchen, die Menschen mit Vernunftargumenten aus ihren irrationalen Emotionen herauszuholen. Der Glaube an die Macht des Kerns kann einem Zuhörer jedoch zur Erkenntnis verhelfen, daß das Denken dieser Person spontan immer rationaler wird, wenn du einfach zuhörst und jemandem die Möglichkeit gibst, seine Gefühle seinem Bedürfnis gemäß bis zum Ende emotional auszudrücken.

Wenn du einfach jemandem zuhörst, der dir etwas bedeutet, sendest du das Signal, daß du keine Angst vor dem hast, was derjenige in seinem Inneren hat. Das gibt ihm den Glauben, daß er selbst vielleicht auch keine Angst vor dem haben muß, was in ihm ist und daß das, was sich im Inneren befindet, nicht unbedingt „schlecht“ ist. In der Tat ist der Kontakt mit dem Kern die Grundlage allen Glaubens an die Güte, die Liebe und die Freiheit von Furcht und Leiden. Er ist auch die Grundlage für das Verständnis und die Toleranz für Freiheit im politischen Bereich.

Ich glaube fest daran, den Menschen einfach zuzuhören. Ich praktiziere das fast wie eine Art Zen-Kunst. Am Anfang war es für mich eher intuitiv. Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen: „Ich tue gar nichts! Alles, was ich tue, ist zuhören!“ Wenn man in der Psychotherapie unterrichtet wird, vor allem in den „aktiven“ Modellen wie Kognitive Verhaltenstherapie, die in akademischen Einrichtungen und von Versicherungsgesellschaften bevorzugt werden, wird die Vorstellung, daß man „nur zuhört“, gemeinhin als „Zeitverschwendung“ oder sogar als unmoralisch angesehen, wenn man dafür Geld verlangt. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, daß es einfach unglaublich wirkungsvoll ist, weil es den Patienten ermutigt, sich selbst auszudrücken und keine Ablenkungen einbaut. Das ist besonders wichtig, wenn jemand emotional aufgewühlt ist, denn wenn man Kommentare abgibt, selbst wenn sie unterstützend sind, kann das den Ausdruck der Gefühle stören. Ein mitfühlender Blick reicht aus, um der Person ein Umfeld zu bieten, in dem sie ihre Gefühle ausleben kann. Sie brauchen keine Ratschläge, sie müssen nicht unbedingt getröstet werden; es hat sich herausgestellt, daß alles, was die meisten Menschen brauchen, einfach darin besteht, ihnen zuzuhören, bis sie fertig sind. Und es stellt sich heraus, daß es praktisch unmöglich ist, jemanden zu finden, auch keinen Therapeuten, der das einfach tut!

Es erfordert, daß die Person, die zuhört, ihre eigenen Gefühle toleriert, einschließlich ihrer eigenen Angst vor dem Leiden des anderen. Jeder Mensch hat Angst. Wenn Sie es schaffen, keine Angst zu haben, erweisen Sie der anderen Person einen großen Dienst.

 

Text an die Mutter einer 20jährigen Patientin

[Die Mutter ist Verhaltenstherapeutin.]

Natürlich ist eines der großen Probleme bei der Verhaltenstherapie bzw. kognitiven Verhaltenstherapie und bei jeder Art von Therapie die Frage, wie man die Kooperation des Patienten mit der Therapie gewinnen kann, entweder in dem offensichtlichen Sinne, daß er bereit ist, überhaupt eine Therapie zu machen, oder in dem subtilen Sinne, daß ein Patient bereit ist, eine Therapie zu machen, sich aber von der Aussicht bedroht fühlt, auf Dinge blicken zu müssen, die ihn beunruhigen.

Ich denke, daß die Frage der Zusammenarbeit, entweder auf explizite oder subtile Weise, im Zentrum jeder Art von Psychotherapie steht; und in gewissem Sinne auch im Zentrum jeder zwischenmenschlichen Kommunikation. Sogar Menschen, die sich begeistert nach Psychotherapie sehnen, können nur in dem Maße mit ihr „kooperieren“, wie sie in der Lage sind, ihre Abwehr so weit einzustellen, daß sie sich ändern können, selbst wenn sie glauben, sie wollten sich ändern. Ich sage, selbst wenn sie „glauben“, daß sie sich ändern wollen, denn etwas zu wollen und wirklich dazu in der Lage zu sein, sind zwei verschiedene Dinge.

Meiner Meinung nach steht also im Mittelpunkt jeder Psychotherapie, wie man den Patienten darauf vorbereiten kann, seine Abwehr langsam aufzugeben. Seine Abwehr ist nicht zufällig: Die Abwehr ist dazu da, die Person zusammenzuhalten. Abwehrmechanismen verbrauchen viel Energie und verursachen viele Funktionsstörungen, aber sie wurden in erster Linie entwickelt, um noch schlimmere Störungen zu vermeiden: Angst, Wut, Traurigkeit, mit denen wir nicht weiterleben könnten. Selbst wir als Therapeuten also die Möglichkeit bieten, in der Abwehr nachzulassen, auch wenn der Patient das möchte, bleibt das natürlich sehr schwierig, denn der Patient muß einen neuen, im sicher erscheinenden Weg finden, um zu funktionieren. Es ist auch schwierig für den Patienten, weil diese Abwehrmechanismen (oder „Gewohnheiten“, wie Verhaltensforscher sie vielleicht nennen) weitgehend unbewußt sind, unabhängig davon, ob man das Konzept des Unbewußten in der Art von Begriffen formuliert, wie sie in der Kognitionspsychologie verwendet werden, oder in psychodynamischen Begriffen. Kognitive Neurowissenschaftler erkennen an, daß es ein Unbewußtes gibt, obwohl sie es als „kognitives Unbewußtes“ statt als „dynamisches Unbewußtes“ bezeichnen, wie es die Psychodynamik-Theoretiker tun. Natürlich sind die „Gründe“ für die Abwehrmechanismen unbewußt, weil es zu bedrohlich ist, sie im Bewußtsein zu haben.

Ich würde den Standpunkt einnehmen, daß alle Therapieformen in gewisser Weise Exposition mit Reaktionsverhinderung sind. Über Dinge zu sprechen, die dich in der Gegenwart stören oder die dich in der Vergangenheit gestört haben, ist eine Exposition mit der Möglichkeit, auf eine andere Weise zu reagieren, als man es gewohnt ist. Aber die Frage ist, wann und in welcher Weise der Patient dazu bereit sein wird.

Verhaltenstherapeutische und kognitive Therapien neigen dazu, sich mehr auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren als psychodynamische Ansätze. In diesem Sinne arbeiten sie an der „Oberfläche“. Aber eine qualitativ gute psychodynamische Therapie wirkt auch an der Oberfläche, denn das ist der Ort, an dem sich die Patienten sicher fühlen. Man muß also immer an der Oberfläche beginnen, um die Mitarbeit des Patienten zu gewinnen. Und, wie ich bereits erwähnt habe, ist die „Arbeit an der Oberfläche“ wahrscheinlich auch das Herzstück jeder Art von zwischenmenschlicher Kommunikation. Und natürlich ist die Kunstfertigkeit des Therapeuten, wenn es darum geht, sich mit der „Oberfläche“ des Patienten auseinanderzusetzen, eine der wichtigsten Befähigungen für einen Therapeuten.

Ein Problem jeder Therapieform, ob psychodynamisch oder kognitiv, ist die Neigung zum Intellektualisieren und zur Distanz zum Gefühlsleben im Hier und Jetzt. Der Behaviorismus, und in etwas geringerem Maße auch die kognitive Verhaltenstherapie, versucht, die mit der Intellektualisieren vergeudete Zeit zu umgehen und die Menschen mit der Notwendigkeit zu konfrontieren, im Hier und Jetzt zu handeln und sich ihren Ängsten zu stellen, anstatt ihnen durch umfassendes Intellektualisieren auszuweichen und sich auf die Vergangenheit zu konzentrieren. Natürlich ist die Konfrontation mit den eigenen Ängsten das Herzstück aller Therapieformen, bzw. sollte es dies so sein. Und um sich mit irgendetwas auseinanderzusetzen, muß man sich vor allem zunächst mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzen. Die verhaltensorientierten und kognitiven Ansätze können aber manchmal auch ein wenig als Abwehr gegen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Gefühlsleben dienen. In dem Maße, in dem sie sich manchmal mehr auf die Anpassung als auf das Erkunden konzentrieren, können sie implizit eine Art Phobie gegenüber den eigenen tiefen Emotionen und unbewußten Ängsten vermitteln und damit die Vorstellung verstärken, daß diese Dinge um jeden Preis vermieden werden müssen und daß man vor ihnen weglaufen muß. Die dialektische Verhaltenstherapie versucht, die kognitive Verhaltenstherapie mit Achtsamkeit und psychodynamischer Theorie zu integrieren, indem sie irgendeine Form der Durchdringung und Einsicht mit Bewältigungstechniken und Entspannungsmethoden kombiniert, um mit der Erregung fertigzuwerden, die dadurch entsteht, daß man in emotionalen und psychologischen Kontakt mit seinem Leiden kommt. Aber die dialektische Verhaltenstherapie konzentriert sich zusammen mit der kognitive Verhaltenstherapie und verhaltensorientierten Ansätzen vor allem auf die Symptome an der Oberfläche, ohne jedoch notwendigerweise eine tiefere Durchdringung zu fördern, die zu tiefgreifenderen Veränderungen führen könnte. Dies ist wahrscheinlich die Erklärung dafür, warum Fünfjahres- und Zehnjahres-Folgestudien zu kognitiven Ansätzen und zur dialektischen Verhaltenstherapie zeigen, daß deren Wirksamkeit mit der Zeit nachläßt, im Gegensatz zu einigen Studien zur psychodynamischen Behandlung, insbesondere was Borderline-Phänomene betrifft.

Oberflächlichere therapeutische Ansätze können bis zu einem gewissen Grad als eine Bereitstellung neuer Abwehrmechanismen betrachtet werden. Medikamente können auch als Bereitstellung „chemischer Abwehrstoffe“ betrachtet werden. Wie alle Abwehrmechanismen heilen auch Medikamente nicht. Wie jede Abwehr machen sie das Leben erträglicher. Man muß sich jedoch der Nebenwirkungen gewahr sein. Es gibt keine eindeutigen „chemischen Ungleichgewichte“. Wenn Paracetamol einen Kopfschmerz besser macht, dann nicht, weil der Kopfschmerz Symptom eines Paracetamolmangels ist. Wenn du bei einer Broadway-Show lachst oder weinst, werden Serotonin und Dopamin ausgeschüttet, aber sie sind nicht die „Ursache“ des Lachens oder der Traurigkeit. Es ist also unvermeidlich, daß wir alle mit unseren Gefühlen in Berührung kommen und lernen müssen, sie zu verarbeiten und mit ihnen umzugehen, unabhängig davon, welchen therapeutischen Weg man beschreitet. Entspannungsübungen, die Vermittlung von Bewältigungsfähigkeiten, Meditation und andere Ansätze können hilfreich sein, gleichzeitig können sie aber auch als eine Art Abwehr gegen eine tiefere Verbindung mit sich selbst und seinen Emotionen dienen.

Ein anderes Wort für „Oberfläche“ ist in gewissem Sinne das Wort „Grenze“. Dies ist ein wichtiges Thema bei Barbara. Sie und ich haben dieses Wort in der letzten Sitzung verwendet. Natürlich verletzt sie immer wieder Ihre Grenzen, das ist klar. Zum Beispiel, wenn sie Sie nicht respektiert oder von Ihnen erwartet, daß Sie Dinge für sie tun, die unvernünftig sind, wenn sie von Ihnen erwartet, daß Sie all ihre Bedürfnisse ohne jede Art von Gegenseitigkeit erfüllen, wenn sie Sie anschreit, usw. Das ist ein heikles Thema für einen Jugendlichen: die Frage nach den Bedürfnissen der Eltern und den Rechten der Eltern usw., denn die Grenzen der Eltern zu respektieren, bedeutet bis zu einem gewissen Grad, daß man als Kind seine Abhängigkeitsbedürfnisse aufgibt. Es bedeutet auch, die mehr oder weniger natürliche Neigung der menschlichen Psyche zur Spaltung aufzugeben.

Barbara drückte vehemente Gefühle über ihr Bedürfnis aus, die Dinge in ihrem inneren nicht aufzuwühlen, daß sie im Grunde nur versucht sich zusammenzureißen. So erlebt sie jeden, der sie drängt oder zwingt, sich in eine therapeutische Situation zu begeben, als eine Verletzung ihrer Abwehr oder, wie wir es in der Sitzung nannten, ihrer „Grenzen“, und sie wird ängstlich und wütend und hat das Bedürfnis das abzuwehren. Ich habe das mit Empathie angegangen und ihr gezeigt, daß ich sie vollkommen verstanden habe. In diesem Sinne teilte ich ihr mit, daß ich bereit bin, an der „Oberfläche“ zu arbeiten, um ihr in jeder mir möglichen Hinsicht behilflich zu sein, ohne ihre Grenzen zu verletzen und sie zu zwingen, über Dinge nachzudenken und sie zu fühlen, für die sie noch nicht bereit ist.

Ich bin ein großer Anhänger der „umgekehrten Psychologie“: Oft bekommt man mehr, wenn man nicht drängt. Eine andere Möglichkeit, das zu sagen, besteht darin, die „Oberfläche“ einer anderen Person genau wahrzunehmen, während man psychologische und emotionale und Verhaltensgrenzen aushandelt, um ihr Vertrauen zu gewinnen, indem man zeigt, daß man sich ihrer Abwehrbedürfnisse bewußt ist. Natürlich besteht die ganze Idee darin, eine Brücke zur tieferen Evaluation zu bauen und die Fähigkeit zu entwickeln, unerträgliche Gedanken und Emotionen zu integrieren.

Was Ihre Erwähnung der „Spaltung“ betrifft, gibt es so etwas, was man wohl als „innere Spaltung“ bezeichnen könnte, und das, was man als „äußere Spaltung“ bezeichnen könnte. Beide Begriffe der Spaltung stammen aus der psychodynamischen Theorie, insbesondere die erstere, und sie sind im Wesentlichen interne/externe Spiegel desselben Phänomens: der Spaltung von Gut und Böse und der Unfähigkeit sie zu integrieren. Wenn sie gesund sind, sind Menschen in der Lage, ihre Wahrnehmung der Art und Weise, in der sie selbst gut oder schlecht sind, oder der Art und Weise, in der andere Menschen gut oder schlecht sind, zu integrieren. Die alte Theorie, die auf die Psychoanalytikerin Melanie Klein zurückgeht, besagt, daß es beängstigend ist, an die Mutter sowohl als Quelle der Zufriedenheit als auch als Quelle der Frustration zu denken. Reife tritt ein, wenn Kleinkind und Kind in der Lage sind zu erkennen, daß wir alle eine Mischung aus „gut“ und „schlecht“ sind, uns selbst eingeschlossen. Barbara hat diese Integration noch nicht bewältigt.

Und dann gibt es noch die „äußere Spaltung“: die Manipulation von Menschen in deinem Leben, um deine Sicherheits- bzw. Abwehrziele zu erreichen: den einen gegen den anderen aufhetzen, den einen für ganz gut und den anderen für ganz schlecht zu halten. Das ist natürlich auch ein Symptom für eine unreife Psyche.

Zwischenmenschliche Kommunikation jeglicher Art ist eine Form des Aushandelns von Oberflächen und Grenzen: ob man jemanden hereinläßt, ob man jemandem erlaubt, die eigene Abwehr herauszufordern, ob man seine eigenen unbewußten Gefühle und Gedanken auf die Ebene des Bewußtseins steigen läßt usw. Es gibt auch eine interne und externe Verhandlung zwischen Gut und Böse und die Notwendigkeit, das alles zu integrieren und die damit verbundene Angst und Frustration zu tolerieren.

Das ist also die Beschreibung meines Ansatzes, insbesondere bei Barbara. Nochmals Entschuldigung für den „Vortrag“. Ich will damit nicht zu verstehen geben, daß ich alles weiß oder daß mein Ansatz oder mein Denken notwendigerweise das Beste ist. Ich wollte Sie nur wissen lassen, wie ich denke. Vielleicht kann dies hilfreich bei unserer Diskussion darüber sein, wie wir Barbara helfen können.

 

Borderline-Zustände: Textaustausch mit der Mutter einer Borderline-Patientin

DH: Das klingt, als sei sie frustriert und lasse Luft ab. Es klingt so, als ginge es wirklich um die Frage, ob Sie das Gefühl haben, mit ihrer Frustration umgehen zu können, die sie wahrscheinlich dadurch ausdrücken wird, daß sie wütend auf Sie ist. Ich glaube, die Wut ist etwas, das sich nicht unter ihrer Kontrolle befindet. Sie ist im Grunde wie ein frustriertes Baby. Ich sage das nicht als Kritik an ihr, sondern eher als eine Beschreibung ihres Gefühlszustands. So wie wir es in der Vergangenheit diskutiert haben, wie auch immer sie zu ihrer Borderline-Funktionsweise gelangt ist, sie funktioniert halt auf diese Weise. Ich denke, wenn Sie gehen, ist der beste Weg, mit ihrer Reizbarkeit umzugehen, wahrscheinlich einfach nur sehr wenig zu sagen und zu versuchen, es sozusagen zu absorbieren und für sie zu verstoffwechseln, indem Sie für sich selbst einsehen, daß sie wie ein wütendes, frustriertes Baby ist, das nur „schreien“ und einen Wutanfall haben muß. Ich glaube nicht, daß bei ihr irgendeine Art von psychologischer Sprache oder ein Appell an die Vernunft wirksam sein wird, sondern es würde die Situation wahrscheinlich eher noch verschlimmern. Persönlich würde ich ihr erlauben einfach Luft abzulassen und mich in Ruhe in ihr Bedürfnis nach dem Luftmachen einfühlen und versuchen, es einfach zu tolerieren. Wenn auch diese Vorgehensweise sie nur noch antagonistischer macht, dann klingt es so, als müßten Sie sich zurückziehen, bis sie sich beruhigt hat. Wenn Sie aufgrund früherer Erfahrungen voraussehen, daß genau das passieren wird, dann ist es vielleicht am besten, einfach abzuwarten, bis sie bereit ist, Sie besser zu behandeln.

Dies ist eine klassische Herangehensweise an Borderlinezustände: sie können ihren eigenen Affekt nicht selbst regulieren, so daß es oft die Umwelt für sie tun muß. Die andere Person muß ihre Affekte für sie „eindämmen“ und zu verstoffwechseln. Es ist wie in der Situation, in der eine Mutter mit einem Baby konfrontiert ist, das unter Koliken leidet; nur daß sie kein Baby ist, sondern ein Erwachsener, so daß man sich als Mutter mit Affekten in Erwachsenengröße auseinandersetzen muß. Es stellt sich also wirklich die Frage, ob es für Sie erträglich ist, sich in dieser Situation zu befinden, und, was noch wichtiger ist, ob es Ihnen möglich ist, ihre Affekte für sie einzudämmen, wobei es sich so anhört, als ob es manchmal nicht funktioniert, und nicht unbedingt durch Ihr eigenes Verschulden. Sie ist frustriert, weil sie in der Lage sein möchte, ihr Leben allein, unabhängig und ohne Ihre Hilfe zu führen, aber sie ist dazu nicht in der Lage, weil sie nicht die emotionale Reife dafür hat. Sie erkennt, daß sie von Ihnen abhängig ist, und das macht sie wütend. Sie gibt Ihnen die Schuld an ihrer eigenen Hilflosigkeit, denn genau das tun unreife Menschen. Sie ist wie ein kleines Kind, das sich eine magische Lösung wünscht. Alle geben der Mutter die Schuld!

M: Ich bin gestern gut mit ihr zurechtgekommen – ich mag das Wort, das Sie benutzt haben, „Verstoffwechseln“.

DH: Ja, ich glaube, „Verstoffwechseln“ ist das richtige Wort. Ich würde sagen, wenn sie wütend ist, behandeln Sie sie im Grunde genauso wie ein wütendes Kleinkind. Versuchen Sie nicht mit ihr zu argumentieren oder in die Defensive zu gehen (wenn Sie es vermeiden können), betrachten Sie die Beschimpfungen einfach als Geschreie, und denken Sie daran, daß es wirklich nicht um Sie geht, auch wenn sie es vielleicht so erscheinen lassen möchte. Irgendwie hilft es ihr, ihre Affekte zu projizieren. Das ist der übliche psychoanalytische Kram der alten Schule: Der Therapeut/Elternteil muß die projektiven Identifikationen des Borderline-Patienten akzeptieren (anstatt ihn zu konfrontieren oder zu versuchen, sie zu analysieren oder darüber zu sprechen) und sie für den Patienten verstoffwechseln. Der Patient/das Kind wird sich dann hoffentlich beruhigen und wird in der Lage sein, jene Teile von sich selbst wieder zu introjektieren, die zu unerträglich waren, um sie selbst einzuhegen. Der Therapeut/Elternteil dient als „Behälter“, wie Winnicott es beschrieb.

Ein potentielles Problem bei diesem Ansatz besteht darin, daß Sie, wenn die Borderlinerin weiter angreift und Sie die Affekte, die sie auf Sie projiziert, nicht in einer nichtanklagenden Weise eindämmen können, einen Weg finden müssen, um Grenzen zu setzen. Manchmal ist es am besten, wenn Sie sich letztendlich einfach Ihre eigene „Auszeit“ nehmen. Das ist viel besser als Vergeltung oder eine Abwehrhaltung, was natürlich ein normales Gefühl ist, aber der Situation nicht zuträglich wäre. Obwohl es natürlich manchmal unwiderstehlich und normal und menschlich ist, in die Abwehr zu gehen; wenn man in die Abwehr geht, ist das, als würde man sagen: „Ich kann Deine schrecklichen Affekte, also Dein schreckliches Selbst nicht eindämmen, weil die so schlimm und inakzeptabel sind, also reflektiere ich sie auf Dich zurück.“ Stattdessen kann man einfach sagen, daß man sich eine Auszeit nehmen muß und später wieder reden wird. Wenn Sie es ertragen können, können Sie auch ein „Ich liebe dich“ einwerfen.

 

Zu Positivität und Negativität. Hysterie, Wut und die dunkle Seite: Brief an eine Hysterikerin

Ich fühle und habe immer gefühlt, daß wahre Positivität nicht erreicht werden kann, ohne die negativen Dinge zu betrachten und zu bekämpfen, die dem Überleben und Gedeihen der Positivität im Wege stehen können. Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß man das Positive nicht wirklich verstehen und das Positive nicht schützen kann, ohne das Negative wirklich zu verstehen. Ich glaube, daß diejenigen, die das Negative ignorieren, sich selbst in Gefahr begeben.

Vielleicht könnte man sagen, das ist in gewisser Weise der Unterschied zwischen der Philosophie eines Therapeuten und der Philosophie eines Künstlers. Vielleicht könnte man sagen, daß der Künstler, zumindest bestimmte Arten von Künstlern, einfach positiv bleiben und in einer Welt leben wollen – ich glaube, einer Scheinwelt aus purem Licht.

Ich glaube nicht, daß Positivität rein von sich aus existieren kann. Sie ist zu sanft. Ich glaube, daß das Gute energisch gegen das Böse verteidigt werden muß, sonst geht das Gute unter.

Die Welt ist aus Yin und Yang gemacht. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, nur in einem von beiden zu verweilen und gesund zu bleiben, zumindest nicht für mich. Vielleicht kann man das tun. Vielleicht müssen Sie also von der dunklen Seite abgeschirmt werden.

Aber um ehrlich zu sein, ich glaube, Sie haben Ihre eigene dunkle Seite, der Sie sich nicht stellen können, und deshalb sind Sie Negativität so hilflos ausgeliefert. Vielleicht täusche ich mich. Aber ich glaube nicht, daß die Dunkelheit außerhalb von Ihnen sich so tief auf Sie auswirken könnte, wenn diese nicht tief in Ihnen einen verborgenen Verbündeten findet. Wenn sie diesen Verbündeten nicht tief in Ihnen finden könnte, wäre sie nicht in der Lage Sie zu beeinflussen.

Mein Wesen und mein Panzer funktionieren anders als Ihrer. Für mich belebt mich das und gibt mir ein besseres, lebendigeres Gefühl. Ich glaube nicht, daß es für mich eine Möglichkeit gibt, davor wegzulaufen. Wenn ich das täte, würde ich voll Angst zusammenbrechen und schrumpfen. Das ist also meine Art, nicht zu schrumpfen. Meine Wut hält mich am Leben und verhindert, daß ich voll Verzweiflung und Angst zusammenbreche.

Anders ausgedrückt: Ich denke, daß DOR höchstwahrscheinlich ein Abbauprodukt von OR ist, und daher Teil eines natürlichen Kreislaufs. Deshalb kann das OR allein nicht in einer Form existieren, die für immer frei vom Kampf mit dem DOR ist. DOR versucht immer, OR zu sequestrieren und zu eliminieren, und umgekehrt. Wenn OR vor DOR wegläuft, gewinnt das DOR.

Ich habe meine eigenen Wege, wegzulaufen. Wer kann also wirklich sagen, ob der eine oder der andere Weg der überlegene ist? Vielleicht ist eine kämpferische Haltung auch eine Manifestation von DOR. Ich kann mir vorstellen, daß das zumindest teilweise wahr ist.

Aber ich glaube nicht, daß ich mir wirklich vorstellen kann, daß es einen Weg des Seins geben könnte, der nicht die Notwendigkeit beinhaltet, um das Leben zu kämpfen, und der völlig frei vom Kampf zwischen OR und DOR ist.

Kommentar: Reich sagte, daß Genitalität, der genuine Charakter, in der Lage ist, rationalen Haß zu durchleben und aggressiv zu sein, eine gesunde Aggression zu haben.

Ich glaube, daß man wegrennt, wenn man nicht genug Panzer oder Kapazität hat, sich zu panzern, um kämpfen zu können. Hysterikerinnen werden als wegrennend beschrieben, weil dies ihre einzige Art von Panzerung ist.

Hysterikerinnen sind in diesem Sinne keine genitalen Charaktere, weil sie nicht in der Lage sind, angemessen wütend zu werden. Sie laufen vor ihrer Wut davon. Gut, sie werden in gewissem Sinne als genitale Charaktere beschrieben, aber offensichtlich sind sie nicht zu voller Genitalität fähig, weil sie nicht in der Lage sind, angemessen wütend zu werden, was das Pulsieren behindert.

Sie können also nicht gegen die Dunkelheit kämpfen, weil sie es nicht einmal ertragen können, die Dunkelheit zu sehen, da sie nicht in der Lage sind, sich gegen sie zu mobilisieren. Und weil sie ihre eigene Wut nicht tolerieren bzw. sich eingestehen können, können sie auch nicht die Wut in gepanzerten Männern sehen und geraten so in schlechte Beziehungen.

 

Über Schlaflosigkeit, EMDR und KVT (Brief an einen Patienten)

  • EMDR = Eye Movement Desensitization and Reprocessing = Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung = Behandlungsmethode der Posttraumatischen Belastungsstörung
  • KVT = Kognitive Verhaltenstherapie
Ich denke, das Grundproblem bei der Schlaflosigkeit ist der Widerstand des Körper-Geistes gegen den Schlaf, ein Widerstand, die meiner Meinung nach höchstwahrscheinlich eine Art psychophysiologischer Abwehr gegen das volle Erleben der Emotionen ist, die man empfinden könnte, wenn man gut ausgeruht wäre. Ich glaube, solange ein Mensch nicht bereit ist, mit diesen Emotionen umzugehen, wird er nicht bereit sein zu schlafen. Natürlich kann/können das Leben/Emotionen überwältigend sein, weshalb wir Abwehrmechanismen haben, sonst würden wir es nicht ertragen, am Leben zu sein. Also: Die Abwehrmechanismen sind anpassungsfähig und notwendig, bis wir an einen Ort gelangen, an dem wir besser in der Lage sind, unsere Emotionen zu ertragen.

Wenn ich mich recht erinnere, sagten Sie, daß Ihre Therapie teilweise oder weitgehend aus EMDR-Tapping besteht (Abwechselndes Klopfen auf Hände oder Knie). Nach meinem Verständnis geht es beim EMDR ganz um den Versuch, den Körper-Geist (möglicherweise das autonome Nervensystem, ich bin mir nicht sicher) so zu trainieren, daß er fähig wird, schmerzhafte Emotionen besser zu tolerieren. Nach dem, was ich über seine Geschichte gelesen habe, beinhaltet EMDR auch einen kognitiv-behavioralen (KVT) Ansatz. Meiner Ansicht nach ist die KVT, obwohl sie sicherlich die Symptome verringern kann, teilweise ein symptomorientierter Ansatz, der möglicherweise nicht vollständig mit der zugrundeliegenden Emotion zurechtkommt und manchmal teilweise eine abwehrende, phobische Haltung gegenüber dem eigenen Gefühlsleben fördern kann durch eine Philosophie von Entspannungsübungen und kognitiven Techniken wie Ablenkung und Visualisierung (ich glaube, EMDR verwendet Visualisierung), was darauf abzielt, den Patienten von schmerzhaften Emotionen abzulenken. Obwohl dies die Symptome verringern kann (wie es Medikamente tun), kann es meiner Ansicht nach wie Medikamente dazu dienen, emotionales Erleben zu blockieren, und dies kann möglicherweise langanhaltende Veränderungen verhindern, wie Studien belegen, die zeigen, daß der Nutzen der KVT mit der Zeit tendenziell abnimmt. Anstatt Emotionen zu vermeiden, glaube ich, daß der Schlüssel zu einer lang anhaltenden Veränderung ein Ansatz ist, der langsam titriert (eindosiert), aber Emotionen in keiner Weise abwehrt, ob offen oder subtil.

 

Text an den Vater eines jungen Erwachsenen mit einem schweren Suchtproblem

Er geht mir sehr oft durch den Kopf. Ich fühle mich sehr schlecht wegen ihm und mache mir Sorgen um ihn. Er braucht sehr dringend Hilfe. Aber leider Gottes ist er anscheinend Lichtjahre davon entfernt, sich selbst gegenübertreten zu können. Er rennt verzweifelt vor sich selbst davon. Er will verzweifelt im Leben Erfolg haben, aber er kann sich einfach nicht der Tatsache stellen, daß er süchtig ist, unabhängig davon, ob er zu einem bestimmten Zeitpunkt Drogen nimmt oder nicht. Ich habe ihm das gesagt. Ich glaube, er sieht diesen Begriff als eine Art Todesurteil für sein Selbstwertgefühl und seine Ambitionen für sich selbst. Aber tatsächlich, wenn er das über sich selbst akzeptieren könnte, wäre das der erste Schritt, um im Leben so erfolgreich zu sein, wie er es sich verzweifelt wünscht, es wäre die Grundlage für Hoffnung und für den Aufbau eines Lebens auf einem soliden Fundament. Aber ich glaube, sein Selbstwertgefühl ist im Moment so niedrig, daß er die Wahrheit über seine Situation einfach nicht verkraften kann. Er braucht viel Liebe, aber es ist ihm verwehrt, davon zu profitieren, bis er sich der Wahrheit über sich selbst und seiner Situation stellt, sich selbst vergibt und sich dem Aufbau eines neuen Lebens auf eine realistische Art und Weise widmet. Er denkt, daß er dazu Tafil [Benzodiazepin] und Adderall [Amphetamine] braucht, aber das ist in seinem Fall eindeutig das Gegenteil der Wahrheit. Er muß sein „inneres Tafil und Adderall“ finden. Das ist der einzige Weg für ihn, der einzige. Aber zuerst muß er das zugeben; nur dann kann er von Hilfe profitieren. Wie gesagt, im Moment denke ich, daß sein Selbstwertgefühl die Wahrheit einfach nicht verkraften kann, und das ist eine gefährliche Sache.

Offensichtlich ist es, gelinde gesagt, eine sehr schwierige Situation für ihn, denn der junge Mann hat eine kolossale Menge an Ängsten in sich, die ihn zerreißen. Nur diejenigen, die diese Art von Angst erlebt haben, können sie wirklich verstehen. Und die einzige „Heilung“ für die Angst ist, sich ihr zu stellen und nicht ständig vor ihr wegzulaufen. Sie ist in erster Linie da, weil man vor sich selbst und vor der Wahrheit wegläuft.

Der einzige Weg, so stark zu werden, wie er es gerne wäre, ist, sich selbst vollständig ins Gesicht zu sehen, einschließlich all seiner Schwächen, und zu erkennen, daß wir alle unsere Fehler und Schwächen haben und er damit nicht allein ist, er ist nicht einzigartig „schlecht“ oder „schwach“.

Damit es ihm besser geht, muß er bereit sein die Angst zu spüren.

 

Eine Zauberformel: Ratschlag für einen sehr ängstlichen Patienten

Zeige den Menschen nicht immer deine Angst, sondern gehe auf sie zu, indem du sie frägst, wie es ihnen geht! Ich sage das nicht, um zu verharmlosen, was du durchmachst, ganz im Gegenteil! Und ich sage auch nicht, daß du kein Recht hast, dich ängstlich zu fühlen, ganz im Gegenteil! Ich spreche hier lediglich von einer Technik, die meiner Meinung nach deine soziale Stellung gegenüber anderen Menschen verbessern kann und dir tatsächlich hilft, dich besser zu fühlen! Der Grund dafür ist, daß dieser Ansatz, andere Menschen zu fragen, wie es ihnen geht, und den Fokus auf sie zu richten, eine Atmosphäre schafft, die auch für dich weniger beängstigend ist. Du wirst sehen, daß die Leute dir dankbar sind und dich sogar noch mehr mögen! Das ist kein Ratschlag, der nur für dich gilt, sondern für jeden von uns. Dadurch, daß sie sich in deiner Nähe wohler fühlen, wirst du dich auch viel besser fühlen, weil du weniger ängstlich und paranoid hinsichtlich dessen bist, was sie über dich denken, weil sie dir zeigen, daß sie dich mögen. Wie ich schon sagte, das ist Zauberei! Wenn du Dinge sagst wie „Hallo“, „Guten Tag“, „Wie geht's?“, wenn du irgendeine Art von lockerer Unterhaltung führst, bei der es nicht um dich geht, dann fühlen sich andere Menschen besser, und du fühlst dich selbst besser, weil du spürst, daß die Leute dich mögen. Nochmals, ich sage das nicht nur speziell für dich, es funktioniert bei jedem. Es ist buchstäblich eine Technik, die insofern egoistisch ist, als daß du dich dadurch besser fühlst, aber es wird so aussehen, als würdest du versuchen, bei allen um dich herum gute Laune zu verbreiten. Beobachte die Menschen. Menschen sind im Grunde egoistisch und lieben Aufmerksamkeit. Der beste Weg, positive Aufmerksamkeit zu erhalten, ist, positive Aufmerksamkeit zu geben! Nochmals, ich spreche nicht von irgendeiner Art von positivem Denken aus der Pop-Psychologie und ich spreche nicht davon, daß du die Gefühle, die in dir stecken, verleugnest. Ich spreche von einer Technik, die tatsächlich funktioniert! Entwaffne die Menschen mit deiner Freundlichkeit und deinem Interesse an ihnen. Mache leichte Konversation und beobachte genau, wie sehr die andere Person dir beim Reden zuhören möchte und wie sehr sie selbst gerne reden würde. Sei selbstlos, langweile dich sogar ein wenig, wenn du deinem Gesprächspartner zuhörst. Das wird sich für dich auszahlen. Ich glaube, es wird dich sogar beruhigen. Beobachte andere Menschen und ihre Reaktionen auf dich. Probiere verschiedene Dinge aus und beobachte die Resultate. Denke daran: das bedeutet nicht, daß du deine Bedürfnisse verleugnest. Es ist vielmehr ein Weg, deine Bedürfnisse zu befriedigen, indem du die oberflächlichen Bedürfnisse anderer Menschen auf gesunde Weise befriedigst. Das wird dir helfen. Probier‘s aus.

 

Auf der anderen Seite des Flusses

Als ich ein Kind war, etwa sechs Jahre alt, hatte meine Familie ein kleines Wochenendhaus im ländlichen Connecticut, am Ufer des Housatonic River. Eines Tages spielte ich am Waldrand auf der gegenüberliegenden Seite des Hinterhofs unseres Häuschens. Plötzlich dachte ich, daß ich irgendwie auf der anderen Seite des Flusses gelandet war und nicht mehr nach Hause zurückkehren könne. Vielleicht war ein Schatten über den Hinterhof gefallen und ich war verwirrt.

Manchmal kann sich das Leben so anfühlen.

 

Schlaflosigkeit wird dadurch verursacht, daß man nicht fähig ist, sich selbst zu sehen

Schlaflosigkeit wird dadurch verursacht, daß man nicht fähig ist, sich selbst zu sehen, wenn die Ablenkungen des Wachlebens verschwinden und sich der Fokus auf das Selbst richtet während der Einschlafphase, während des Träumens und schließlich mit dem Schock des Wiedersehens mit sich selbst nach dem Aufwachen, bevor die äußeren Ablenkungen einen wieder vom Selbstgewahrsein abgezogen haben.

 

 

zuletzt geändert
07.02.22

 

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