W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Artikel von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Sex und Liebe in einem Fall von paranoid-schizophrenem Charakter

David Holbrook, M.D.

 

Die sexuelle Energie ist die biologische Aufbauenergie der psychischen Apparatur, die die menschliche Gefühls- und Denkstruktur bildet. 'Sexualität' (physiologische Vagusfunktion) ist die produktive Lebensenergie schlechthin. (Reich 1945, S. 18)
Die innere Beschaffenheit der Liebesfunktion hat auf jede einzelne Teilfunktion auch aller anderen Aktivitäten des Individuums bestimmenden Einfluß. (Reich 1953, S. 80)
Ich behaupte, daß jeder Mensch, der sich ein Stück Natürlichkeit bewahren konnte, weiß, daß den seelisch Erkrankten nur eines fehlt: wiederholte volle sexuelle Befriedigung. (Reich 1942, Seite 77, kursiv im Original)
[Orgastische Potenz] ist die Fähigkeit zur Hingabe an das Strömen der biologischen Energie ohne jede Hemmung, die Fähigkeit zur Entladung der hochgestauten sexuellen Erregung durch unwillkürliche lustvolle Körperzuckung. (Reich 1942, S. 81, kursiv im Original)
Die Fähigkeit, sich trotz mancher Widersprüche mit der gesamten affektiven Persönlichkeit zeitweise auf das genitale Erleben einzustellen, ist eine weitere Eigenschaft der orgastischen Potenz. (Reich 1927, S. 43, kursiv im Original)
Das erste Mißverständnis ist, daß die Orgontherapie auf die Herstellung der orgastischen Potenz abzielt und auf nichts anderes. Das ist nicht das Ziel unserer Technik. Die Art und Weise, wie dieses Ziel erreicht wird, ist jedoch entscheidend für den Erfolg. Es ist die gründliche Überwindung der emotionalen Blockaden im Organismus und die Auflösung der damit verbundenen Ängste, die zu dauerhaften Ergebnissen führt. (Hamilton 1997, S. 13, zitiert nach Reich)
Es stimmt, der Orgasmusreflex ist unser biologisches Ziel.... [Jedoch] nicht der einzelne Faktor Orgasmusreflex ist unser Ziel, sondern die Wiederherstellung deiner biophysischen Motilität als eine sich bewegende, lebendige Einheit, indem wir die Starrheit deiner Muskulatur und die Panzerung deines Charakters auflösen. (Hamilton 1998, S. 25)
Gewöhnlich beginnen wir mit der Auflösung der Panzerung an den Stellen, die am weitesten vom Genital entfernt sind, von wo aus die Energie durch die Angst vertrieben wurde, um sich dort festzusetzen, wo sie sich festsetzen konnte. Der Schweregrad einer Neurose steht in direktem Verhältnis zum Schweregrad der Störung der Genitalität. Wir müssen versuchen, herauszufinden, wohin diese gestörte genitale Energie gegangen ist, sich verankert hat.... (Hamilton 1997, S. 14)

 

Einführung

Adam ist ein 58 Jahre alter, verheirateter Patient ohne Kinder. Ich betreue ihn seit acht Jahren und habe bereits dreimal über ihn geschrieben (Holbrook 2009, 2011, 2012). Da seine Frau Bonnie Adams häufigstes Thema in der Therapie ist, habe ich das, was wir tun, in gewissem Sinne immer als eine Art Paartherapie betrachtet, die als Einzeltherapie durchgeführt wird. Vor kurzem gestand ich Adam in einer Sitzung, daß ich mich manchmal fragte, ob es möglich sei, daß es ihm ohne Geschlechtsleben jemals besser gehen würde, da seine Ehe seit vielen Jahren weitgehend sexlos ist. Ich werde seine Antwort weiter unten beschreiben, aber zunächst möchte ich über einige meiner Ziele beim Schreiben dieses Artikels sprechen.

Meine Frage und Adams Antwort veranlaßte mich, diesen Fall aus der Sicht seiner sexuellen und Liebeserfahrungen zu betrachten, in der Hoffnung, daß ich ihn dadurch besser verstehen und ihm helfen kann. Ich hoffte auch, daß dies für mich eine Gelegenheit sein würde, tiefer über die Beziehung zwischen Sex und Liebe nachzudenken. Außerdem wollte ich über die Beziehung zwischen dem Endziel der orgonomischen Therapie, der orgastischen Potenz, und dem langen Weg dorthin nachdenken, der so viele Windungen und Abzweigungen durch das Labyrinth der somatischen und charakterlichen Panzerung beinhaltet, daß man vergessen kann, daß dem Weg folgend irgendwo das einfache Ziel der Fähigkeit zur vollen Hingabe in der sexuellen Liebe liegt. Jeder orgonomische Therapeut hat schon einmal die Erfahrung gemacht, daß er in einer Fallbesprechung gefragt wurde: „Wie steht es mit dem Sexualleben des Patienten?“, und er hat festgestellt, daß dieses Thema bei der ersten Besprechung oder in der Therapie nur selten zur Sprache kam. Theoretisch wissen wir, daß das Sexualleben des Patienten von zentraler Bedeutung ist, aber wir wissen auch, daß es scheinbar so viel gibt, das angesprochen werden muß, bevor wir überhaupt dazu, dem Endziel der Therapie, kommen (wenn überhaupt). Wie Reich oben andeutet, sollte die systematische Beseitigung des Charakters und der somatischen Panzerung, wenn sie richtig angegangen wird, schließlich zu diesem Ziel führen, obwohl wir auch wissen, daß dieses Ziel für viele (bzw. die meisten) Patienten nie ganz erreicht werden wird.

Ein weiterer Punkt, der mich bei der Frage nach der Beziehung zwischen Liebe und Sexualfunktion interessiert, ist, daß sie eine Gelegenheit bietet, über die Beziehung zwischen Psyche und Soma, zwischen Charakter und biophysischem Funktionieren nachzudenken. Gibt es spezifische Formen, in denen der schizophrene Charakter typischerweise in der Liebe und beim Sex beeinträchtigt ist? Gibt es eine „paranoide Art des Liebens“ (oder Nicht-Liebens)?

 

Meine Frage, ihr Kontext und einige erste Überlegungen

Adams erste Reaktion auf meine Frage, ob es ihm ohne Sexualleben jemals besser gehen könne, war der halb humorvolle Kommentar: „Das kam aus heiterem Himmel!“ Er sagte, er habe in der Vergangenheit den Eindruck gehabt, ich hätte „das Gegenteil“ angedeutet, daß ich der Meinung sei, Liebe sei wichtiger als Sex. Der Kontext für seine Bemerkung ist, daß ich Adams Wunsch unterstützt hatte, trotz der Sexlosigkeit in seiner Ehe zu bleiben, obwohl ich ihn ermutigt hatte, mit Bonnie über den Mangel an sexuellen Beziehungen zu sprechen. Insgeheim wunderte ich mich über die Spaltung bei Adam zwischen Liebe und Sex. Er berichtete von „tollem Sex“ mit Clarissa, einer früheren Geliebten von ihm, aber daß er Clarissa zwar sehr gemocht, aber nie geliebt habe. Er habe Clarissa „aufregend und klug“ gefunden, aber „kalt“. Im Gegensatz dazu hat er immer behauptet, daß er Bonnie innig liebt und sie niemals verlassen könnte. Er stellt das Hindernis für den Sex in ihrer Ehe als ihr mangelndes Interesse dar. Er bezeichnet Bonnie als „die Mutter, die ich nie hatte“. „Wo Bonnie ist, da sollte ich sein. Ich bin wie eine Brieftaube.“

Ich hatte den Eindruck, daß seine Affäre mit Clarissa eine Möglichkeit für ihn war, sich den Problemen in seiner Ehe zu entziehen, ohne es jedoch auszusprechen. Insgeheim war ich der Meinung, daß er versuchen sollte, Sex und Liebe in seiner Ehe zu vereinen, da er sich verpflichtet hatte, in der Ehe zu bleiben. Er muß meine Haltung gespürt haben, hat sie aber offenbar in seinem Kopf so verdreht, daß ich meinte, Liebe sei wichtiger als Sex. Aber vielleicht hatte er in gewisser Weise recht, meine Haltung so zu interpretieren, denn was ist schlimmer: sexlose Liebe oder liebloser Sex? In einer echten Liebesbeziehung scheint mir das Potential für sexuelle Liebe immer vorhanden zu sein, obwohl es in Liebesbeziehungen, in denen der Sex gestorben ist, oft nicht möglich ist, ihn wiederzubeleben. Kann sich andererseits in einer lieblosen sexuellen Beziehung jemals Liebe entwickeln?

Als ich ihn laut fragte, ob es ihm ohne ein Sexualleben jemals besser gehen könne, sagte er nach seiner oben beschriebenen ersten Antwort, daß er nicht glaube, daß sein Unglücklichsein „in erster Linie“ durch ein fehlendes Sexualleben verursacht sei. Er sagte, daß sich ihre Beziehung aufgrund seiner emotionalen Öffnung gegenüber Bonnie in den letzten Jahren in Bezug auf emotionale Intimität verbessert habe und daß sie auch körperlich etwas liebevoller miteinander umgingen, was Berührungen und Umarmungen anbelangt.

Er sagte, der Hauptgrund, der ihn daran hindere, glücklich zu sein, sei, daß er den Menschen zu viel „gebe“, sich aber nicht berechtigt fühle, eine Gegenleistung zu verlangen. Obwohl diese Aussage auf den ersten Blick als relativ oberflächliche Einschätzung erscheinen mag, stimmt es, daß bei Adam als wesentliche Beeinträchtigung besteht, nicht einfach um das zu bitten, was er möchte. In seiner Beziehung zu Bonnie hat er in dieser Hinsicht jedoch einige Fortschritte gemacht.

Ein Teil der Verbesserung in seiner ehelichen Beziehung scheint darauf zurückzuführen zu sein, daß er besser in der Lage ist, seine Gefühle zu ertragen, ohne wütend und paranoid zu werden. Er ist nun besser in der Lage zu erkennen, wann er ängstlich ist. Er nimmt Bonnie und andere Menschen, mich eingeschlossen, jetzt seltener als kritisch ihm gegenüber wahr. Er ist weniger zurückhaltend geworden und daher besser in der Lage, mit Bonnie und anderen darüber zu sprechen, wie er sich fühlt, ohne jemandem die Schuld für seine Gefühle zu geben. Er ist in der Lage anzuerkennen, daß das, was er fühlt und wahrnimmt, das Ergebnis seiner eigenen subjektiven Interpretation der Dinge ist und nicht notwendigerweise das Ergebnis einer endgültigen, objektiven Beurteilung einer gegebenen Situation; mit anderen Worten, er klammert sich seltener an eine starre, paranoide Gewißheit. Er ist besser in der Lage, die Hindernisse, die seinem Glück im Wege stehen, als in sich selbst liegend wahrzunehmen, als Folge seiner eigenen charakterlichen Panzerung, anstatt die Hindernisse auf seine Umwelt zu projizieren und falsch wahrzunehmen. Dadurch hat er eine weniger „paranoide Art zu lieben“ und zu leben als zu Beginn der orgonomischen Therapie. Amüsanterweise hat er einen Teil unserer Arbeit in drei Prinzipien destilliert, die er „Dr. Holbrooks drei Regeln der Paranoia“ nennt (Adam ist besessen von Regeln und „Struktur“): Nr. 1: Wenn du mit einer Reihe von alternativen Erklärungen für eine Situation konfrontiert bist, wähle die am wenigsten paranoide; Nr. 2: Es geht nicht um dich; Nr. 3: Wenn du glaubst, daß du dich so fühlst, weil jemand dieses Gefühl in dir ausgelöst hat, solltest du die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß du dich bereits vorher so gefühlt hast und dann dieses Gefühl mit der Situation verbunden hast, an der die andere Person beteiligt war.

In dieser Beschreibung einiger der Quellen seiner Besserung als Ergebnis der Therapie können wir eine Illustration von Reichs Diktum sehen, daß „wir gewöhnlich mit der Auflösung der Panzerung an den Stellen beginnen, die am weitesten vom Genital entfernt sind“. Im Fall dieses Patienten arbeiten wir auf der okularen Ebene, indem wir uns charakterologisch auf seine paranoiden Verzerrungen und darauf konzentrieren, wie sie seine Beziehungen sabotieren. Es liegt auf der Hand, daß das letztendliche Ziel, die Fähigkeit zur vollständigen Hingabe in Sex und Liebe zu erlangen, was den Patienten befähigen würde, sich sowohl somatisch als auch psychisch hinzugeben, zunächst die Beseitigung jeglicher Panzerung erfordert, die „stromaufwärts“ vom Genital liegt, sowohl in Bezug auf seine charakterliche Panzerung, die ihn daran hindert, als genitaler Charakter zu funktionieren (Reich 1927, Reich 1949), als auch in Bezug auf seine somatische Panzerung, insbesondere in diesem Fall seine okulare Panzerung, die die biologischen Grundlagen seines Charakters widerspiegelt. Sowohl seine somatische als auch seine charakterliche Panzerung verhindern, daß er als genitaler Charakter funktioniert. In diesem Sinne hat der Patient zum Teil recht, wenn er sagt, daß die Ursache seines Unglücklichseins nicht das fehlende Sexualleben an sich ist, denn er wird niemals zu einem voll befriedigenden Sexual- und Liebesleben bzw. zur Genitalität im allgemeinen fähig sein, solange seine „genitale Energie“ das Genital flieht, um sich stromaufwärts in seinem Charakter und seiner somatischen Panzerung „einzunisten“. Er arbeitet sich durch oberflächlichere Elemente seiner Struktur, und es ist verfrüht anzunehmen, daß die unmittelbare Antwort auf alle seine Schwierigkeiten sein Sexualleben ist. Er ist weder bereit noch fähig zu orgastischer Potenz und der damit einhergehenden vollständigen charakterlichen und somatischen Hingabe an einen geliebten Partner.

Wie in meinen früheren Artikeln über diesen Patienten beschrieben, hat er sich meinen Versuchen widersetzt, mit ihm auf der nonverbalen Ebene („biophysisch“) zu arbeiten. Er hat zu viel Angst vor dieser Art der Arbeit. Ich habe mich daher darauf beschränkt, mit ihm verbal (charakteranalytisch) zu arbeiten. Wenn ich auf diese Weise mit ihm arbeite, kann er mir vertrauen. Sein Vertrauen in mich ermöglicht es ihm, biophysisch zu expandieren und so seinen Panzer zu lockern.

Interessant ist die Tatsache, daß verbale Arbeit nicht unbedingt oberflächlicher ist als nonverbale, so daß man in gewissem Sinne sagen muß, daß seine Bereitschaft, mit mir verbal zu arbeiten, nicht unbedingt bedeutet, daß er nur bereit ist, mit mir auf eine oberflächliche Weise zu arbeiten. Man bedenke, was Elsworth Baker über die potentielle Macht der Worte des orgonomischen Therapeuten in der Therapie zu sagen hatte:

Manchmal kann man Gefühle freisetzen und manchmal läßt das Festhalten nach, wenn man dem Patienten beschreibt, was er ausdrückt oder was er tun möchte, oder wenn man ihm einen Spiegel vorhält oder durch verständnisvolle Worte und nicht durch direkte Bearbeitung der Muskeln. Ich habe oft das Gefühl gehabt, wenn man nur genug wüßte und aufmerksamer wahrnähme, könnte man die Therapie ganz und gar auf diese Weise durchführen. (Baker 1967, S. 91)
Harman stellt auch fest, daß Baker „manchmal das Leben eines Menschen für immer verändern konnte, indem er ein paar Worte sprach“ (Harman 2012, S. 22). Wenn das stimmt, dann muß bei solchen verbalen Interaktionen eine beträchtliche biophysische und charakterologische Wirkung am Werk sein. Dies ist ein Beispiel für die starke Wechselbeziehung zwischen Psyche und Soma. Tatsache ist, daß die Worte des medizinischen Orgonomen eine besonders starke Wirkung haben können, weil er die biophysischen Grundlagen von Sprache, Charakter und Psyche versteht (Konia 2013a).

Aus irgendeinem Grund neigen bestimmte Schizophrene eher dazu, der verbalen als der nonverbalen Arbeit in der orgonomischen Therapie zu vertrauen. Angesichts der obigen Überlegungen kann dies nicht nur daran liegen, daß die nonverbale Arbeit immer mehr Energie bewegt als die verbale Interaktion, was die nonverbale Arbeit für den ohnehin schon übererregten Schizophrenen unerträglich macht. Wie aus den obigen Ausführungen von Baker und Harman hervorgeht, wird durch Worte manchmal viel mehr Energie bewegt als durch nonverbale therapeutische Arbeit. Ein weiterer Wert der verbalen Arbeit mit Schizophrenen könnte in der integrierenden Kraft der Sprache liegen, die, wenn sie kontaktvoll eingesetzt wird, dazu beitragen kann, Geist und Körper miteinander zu verbinden. Man könnte auch sagen, daß die Wahrnehmung und die bioenergetische Erregung, die bei Schizophrenen normalerweise voneinander getrennt sind, durch charakteranalytische Interventionen manchmal wieder in Kontakt miteinander gebracht werden können. Da der medizinische Orgonom in Kontakt mit seinen eigenen biophysischen Empfindungen steht, ist er in der Lage, seinen „orgonotischen Sinn“ (Reich 1953, S. 298) einzusetzen, um die Worte zu finden, die die größte Wirkung zeitigen können.

 

Rückblick auf die Sexual- und Liebesgeschichte des Patienten

Ich begann die Behandlung von Adam im Jahr 2004. Drei Jahre zuvor hatte er eine fünfjährige Therapie bei einer Psychoanalytikerin abgebrochen, nachdem sie ihn angeblich angeschrien und ihn beschuldigt hatte, ein Narzißt zu sein. Ursprünglich hatte er diese Therapie auf Wunsch seiner Frau Bonnie wegen seines wütenden Verhaltens ihr gegenüber begonnen. Ein positives Ergebnis der Therapie mit der Psychoanalytikerin war, daß Adam auf ihre Bitte hin aufhörte Marihuana zu rauchen, nachdem er es 25 Jahre lang täglich konsumiert hatte, und seitdem nicht mehr raucht. Drei Monate nach Beginn dieser Therapie begann er die obenerwähnte achtmonatige außereheliche Affäre mit Clarissa. Clarissa verfolgte Adam, nachdem er die Affäre beendet hatte, und tauchte bei ihm zu Hause auf. Bonnie konfrontierte Clarissa und überzeugte sie, Adam in Ruhe zu lassen.

Adam hatte seinen ersten Geschlechtsverkehr im Alter von vierzehn Jahren. Er traf Bonnie zum ersten Mal, als er achtzehn und sie zweiundzwanzig war. Er verliebte sich sofort in sie, aber sie waren beide verheiratet und hatten erst eine sexuelle Beziehung, nachdem Adams erste Frau Ellen ihn verlassen hatte. Er hatte Ellen geheiratet, als er achtzehn Jahre alt war. Er beschreibt sie als „intelligent, narzißtisch und jähzornig“. Ellen beschwerte sich, daß Adam sie sexuell nicht befriedigte, so daß sie zahlreiche außereheliche Affären hatte. Sie begaben sich in eine Sexualtherapie, die laut Adam ihre sexuelle Beziehung erheblich verbesserte, da er lernte, wie er sie zum Orgasmus stimulieren konnte, obwohl sie immer noch nicht in der Lage war, mit einem Mann durch Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen. Adam beschreibt die Sexualtherapie als „sehr effektiv als Sexualtherapie, aber nicht als Therapie“. Ellen verließ Adam nach vierzehn Jahren Ehe wegen eines anderen Mannes und heiratete anschließend noch dreimal. Nachdem Ellen ihn verlassen hatte, nahm Adam sofort Kontakt zu Bonnie auf. Bonnies Mann hatte sie wiederholt wegen anderer Frauen verlassen, und sie hatten sich scheiden lassen. Adam und Bonnie begannen eine romantische Beziehung und heirateten kurz darauf, vor fünfundzwanzig Jahren. Sie waren nie in der Lage, ein Kind zu zeugen, aber sie hatten Anteil an der Erziehung von Bonnies drei Nichten.

Er berichtet, daß er und Bonnie anfangs ein sehr gutes Sexleben hatten, aber nach einer gewissen Zeit fragte sie ihn: „Wirst du immer so oft Sex haben wollen?“ Bei einer anderen Gelegenheit bemerkte sie während des Geschlechtsverkehrs, daß der Deckenventilator gereinigt werden müsse. Dies hatte eine ernüchternde Wirkung auf ihn, und er beschloß, ihr von nun an die Initiative für den Sex zu überlassen. „Es war nicht mehr 'wir'.“

In der Sitzung, die auf die Sitzung folgte, in der ich ihn fragte, ob es ihm ohne Sexleben jemals besser gehen könnte, sagte er, daß meine Frage „wie die Frage war, ob die Therapie jemals beendet werden kann. So viel will ich gar nicht: atmen können, mich gut fühlen ohne Schuldgefühle, zu mir stehen können, als wäre ich ein guter Mensch.“ Er hat mir wiederholt gesagt, daß er vor allem an sich selbst arbeiten muß.

 

Einige Details aus der Kindheit des Patienten

Adam war der mittlere von drei Söhnen. Sein Vater, den ich Samuel nennen werde, war eine verehrte kulturelle Ikone der liberalen Elite von New York City in den 1960er und 70er Jahren. Samuel, der allgemein als führender Vertreter des liberalen politischen Gewissens angesehen wurde, hatte eine sehr öffentliche außereheliche Langzeitaffäre, von der Adams Mutter vorgab, nichts zu wissen. Adams Mutter, die wie Adams zweite Frau Bonnie heißt, war Alkoholikerin. Sie unterstützte Samuel stets und war stolz darauf, mit einem Mann verheiratet zu sein, der in der Öffentlichkeit so sehr bewundert wurde. Samuel verließ Bonnie schließlich und heiratete erneut (allerdings nicht seine Geliebte).

Adams älterer Bruder schlug Adam regelmäßig brutal, als sie Kinder waren, aber die Eltern schauten weg und unternahmen nie ernsthafte Schritte, um Adam zu schützen, obwohl er einmal eine Treppe hinuntergeworfen und ein anderes Mal mit einem Messer gestochen wurde.

Adam sagt, daß seine Eltern ihm alles, was sie ihm gaben, offenbar mit Widerwillen taten und ihn davon abhielten, um etwas zu bitten. Das Familienleben drehte sich darum, sicherzustellen, daß nichts passierte, was das Ansehen seines Vaters in der Öffentlichkeit trüben könnte. Im Alter gab sein Vater Adam den Spitznamen „Schlangenzahn“ (wie König Lear Cordelia nannte) und beschwerte sich bitterlich darüber, daß Adam sich nicht für ihn interessierte. In Wirklichkeit war Adam für seine beiden Eltern eine Art Cordelia. Sie zeigten viel mehr Interesse und Stolz für seine älteren und jüngeren Brüder, doch als seine Eltern älter wurden, war es Adam, der die Rolle des wichtigsten Betreuers übernahm.

Als Adams Frau Bonnie ihn vor Jahren darauf hinwies, daß er eine unglückliche Kindheit gehabt habe, leugnete er dies vehement und war wütend auf sie. Erst während seiner ersten Therapie begann er sich damit auseinanderzusetzen, wie seine Kindheit tatsächlich gewesen war. Er beschreibt seine Eltern jetzt als „Hamster, weil Hamster ihre Jungen fressen“.

 

Literatur

  • Baker EF 1967: Der Mensch in der Falle, München: Kösel, 1980
  • Crist P 2010: Persönliche Mitteilung
  • Hamilton AE 1997: My Therapy With Wilhelm Reich (Part I). Journal of Orgonomy 31(1):3-21
  • Hamilton AE 1998: My Therapy With Wilhelm Reich (Part III). Journal of Orgonomy 32(1):16-35
  • Harman R 2010: Persönliche Mitteilung
  • Harman R 2012. Clinical Applications of Reich’s Work with Impulsive Characters: The Ego, Ego-Ideal, Superego and Id. Journal of Orgonomy 46(1) 20-45
  • Holbrook D 2009: „Word Language”: Character Analysis in the Early Stages of Medical Orgone Therapy. Journal of Orgonomy 43(1):33-38
  • Holbrook D 2011: A Schizophrenic Approaches the Couch. Journal of Orgonomy 44(2):7-21
  • Holbrook D 2012: „Not So Fast”: The Treatment of a Paranoid Schizophrenic Character. Journal of Orgonomy 46(1):53-62
  • Konia C 2008: The Emotional Plague. Princeton: A.C.O. Press
  • Konia C 2013a: Persönliche Mitteilung
  • Konia C 2013b: charleskonia.com
  • Konia C 2013c: Neither Left Nor Right. Indianapolis, Indiana: Dog Ear Publishing
  • Reich W 1927: Genitalität, Köln: KiWi, 1982 [Ursprünglich 1927 mit dem Titel Die Funktion des Orgasmus veröffentlicht. Das ist ein komplett anderes Buch als das von 1942 mit dem gleichen Namen.]
  • Reich W 1942: Die Funktion des Orgasmus, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1972
  • Reich W 1945: Die sexuelle Revolution, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1971
  • Reich W 1948: Rede an den kleinen Mann, Frankfurt: Fischer Taschenbuch Verlag, 1984
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989
  • Reich W 1953: Christusmord, Freiburg: Walter-Verlag, 1978
  • Reich W 1996: Processes of Integration in the Newborn and the Schizophrenic. Orgonomic Functionalism 6. Rangeley, Maine: The Wilhelm Reich Infant Trust
  • Reich W 1999: American Odyssey. New York: Farrar, Straus and Giroux

 

 

zuletzt geändert
02.12.22

 

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