W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Über das Drängen

David Holbrook, M.D.

 

[„Panzer“ ist eine psychologische und somatische Blockade des natürlichen Funktionierens in Form von psychischen Abwehrkräften und chronisch angespannten Muskeln, zusammen mit der Verlangsamung verschiedener physiologischer Funktionen als Reaktion auf Streß.]

Gepanzerte Logik: „Ich muß drängen, sonst wird nie etwas passieren. Ich muß mich anstrengen, um Dinge zu erledigen. Ich muß andere Leute dazu drängen, Dinge zu erledigen. Ich muß mich zur Arbeit drängen. Wenn ich mich nicht selbst dränge, werden die Leute mich nicht mögen und ich werde nicht erfolgreich sein. Ich muß die Leute dazu bringen, mich zu lieben. Ich muß mich sexuell anstrengen, sonst kann ich keine Leistung erbringen.“

Soweit man gepanzert ist, fühlt man sich so. Dies ist zumindest teilweise der Fall, da bei Vorhandensein eines psychologischen und somatischen Panzers jeder natürliche Impuls Schwierigkeiten hat, durch den Panzer zu dringen. Daher wird häufig davon ausgegangen, daß nichts passieren wird, wenn man nicht drängt. Gepanzerte Menschen sind sich absolut sicher, daß nichts geschehen wird, wenn sie nicht drängen, und sie stehen der Vorstellung mit Feindseligkeit und Verachtung gegenüber, daß man nicht drängen muß.

Ungepanzerte Logik (manchmal auch „funktionelle“ Logik genannt, weil sie versucht zu beschreiben, wie Dinge tatsächlich funktionieren): Alles geschieht tatsächlich spontan. Entweder es passiert oder nicht. Die Vorstellung, daß man drängen muß, ist eigentlich eine Illusion, zumindest teilweise. In gewisser Hinsicht kann es tatsächlich wahr sein, daß je weniger jemand drückt, desto wahrscheinlicher es ist, daß etwas spontan passiert. Die Wahrheit ist, daß oft, wenn man nach etwas drängt, es tatsächlich dazu führt, daß das Erstrebte verschwindet. Drängen ist ein Kennzeichen für gepanzertes Funktionieren und Denken.

Die gepanzerte Logik hat jedoch zumindest teilweise recht hinsichtlich des Drängens. Aufgrund der vorhandenen Panzers machen uns Dinge, die spontan passieren sollten, Angst. Wichtige Dinge zu erledigen, kann uns Angst machen. Verwundbarkeit kann bei uns Angst hervorrufen. Liebe kann bei uns Angst hervorrufen.

Manchmal müssen wir durch Angst hindurch drängen, um ein Ergebnis zu erzielen. Beim Vorhandensein von Panzer ist es zum Teil richtig, daß man sich manchmal drängen muß.

Generell würde ich sagen, daß das Drängen anderer normalerweise weniger produktiv ist und oft nach hinten losgeht. Aber in manchen Situationen ist es auch notwendig. Zum Beispiel muß ein Chef oft einen Mitarbeiter drängen, damit der Mitarbeiter maximal produktiv ist. Das hat aber Grenzen. Wenn man zu stark drängt, sinkt das Resultat und es kann tatsächlich zu einer geringeren Produktivität kommen, als wenn man weniger drängt.

Sogar die Verhaltenspsychologie erkennt diese Dinge. Zum Beispiel wissen Behavioristen, daß Belohnungen wirksamer sind als Bestrafungen, um ein bestimmtes Verhalten zu fördern.

Ein Beispiel dafür in zwischenmenschlichen Beziehungen ist, daß es oft effektiver ist, sehr sanft zu „ziehen“ als zu „drücken“. Beispielsweise kann man sanft dazu „einladen“ bzw. vorschlagen, daß die betreffende Person eine bestimmte Sache tut.

„Umgekehrte Psychologie“ funktioniert sehr oft: man bekommt, wonach man nicht gestrebt hat. Man kann beispielsweise jemandem sagen, daß man eine bestimmte Sache möchte, aber man will ihn nicht dazu drängen, dies zu tun. Die Antwort der anderen Person ist oft, daß sie den Wunsch verspürt, das zu tun, was du willst. Der Gegensatz dazu ist, auf etwas zu drängen. Unter diesen Umständen fühlt sich die andere Person oft bedrängt und übt Gegendruck aus oder zieht sich zurück.

 

„Selbstzerstörerisches Verhalten“ als Bedürfnis sich zu panzern. Brief an einen Freund

Versuche, das Glück und die Fähigkeit zur Verwundbarkeit, die Du erreicht hast, zu tolerieren, ohne sie in die eine oder andere Richtung zu verdrängen.

Ich frage mich, ob es möglich ist, daß, wenn Du nach „Erfolg“ drängst, es in Wirklichkeit eine Art ist, Deinen eigenen Erfolg zu blockieren, weil Du glaubst, ihn nicht zu verdienen. Als ob Du ihn Dir nicht erarbeitet hättest.

Verwundbarkeit und Schwäche sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Ich nehme an, das Leiden beruht darauf, daß Du versuchst, durch Deine Panzerung durchzubrechen. Ich glaube, daß gegen den Panzer zu drängen unweigerlich notwendig ist, um zu wachsen. Ich tue es auch. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Du mußt nur ein möglichst genaues Gefühl für Deine Grenzen bekommen. Deine Panzerung wird sich dem entgegenstemmen. Du mußt also das richtige Gleichgewicht finden, wie weit Du sie zurückdrängen kannst, ohne daß sie sich zu stark wehrt.

Wahrscheinlich wirst Du viel weinen müssen. Betrachte das nicht als Zeichen der Schwäche, es ist das Gegenteil von schwach. Nur die Starken können wirklich vollständig weinen. Schwache Menschen können sich dem Weinen nicht hingeben, nur wirklich starke Menschen können das. Es braucht Mumm, um loszulassen und weinen zu können. Wir alle brauchen das, aber es ist schwer, so viel Sichfallenlassen zu tolerieren. Es ist eine Errungenschaft, wenn man es kann.

Deine Verletzlichkeit ist Deine Stärke. Es ist eine Art Stärke, die fast niemand sonst hat. Du denkst, es sei ein Zeichen von Schwäche, aber es ist das Gegenteil. Es gibt viele oberflächlich „starke“ Menschen.

Aber die wirklich verletzlichen Menschen sind selten. Entweder werden sie große Künstler oder sie werden verrückt oder sie bringen sich um. Es braucht eine enorme Stärke, um verwundbar zu sein. Wenn man das kann, ist man übermenschlich.

Laß alles raus. Laß es sich manifestieren. Kämpfe nicht dagegen an. Versuche nicht, es zu verbergen. Laß das Versteckspiel sein. Es ist Zeit weiterzugehen und sich zu offenbaren. Es ist jetzt sicher. Versuche Deinen Körper davon zu überzeugen. Kommuniziere mit Deinem Körper. Lasse Deinen Körper für sich selbst sprechen.

Das Leben „bietet“ uns ständig „Gelegenheiten“ alternative „Personae“ zu schaffen, um uns anzupassen, um zu versuchen, von den Menschen akzeptiert zu werden, um zu versuchen höflich zu sein, wenn wir in Wirklichkeit wütend oder traurig oder ängstlich sind, usw. Und wir können uns dafür entscheiden, dem Impuls des Vortäuschens zu widerstehen. Es liegt an uns.

Was die ganze Vorstellung von „Selbstzerstörung“ betrifft: mir kommt die Idee, daß das eine Form von Panzerung ist, das Bedürfnis, sich zu panzern. Ich mag die Vorstellung von „Selbstzerstörung“ nicht. Sie bedeutet nichts, sie macht tatsächlich keinen Sinn.

So komme ich auf die Idee, daß Dein Verhalten, Dich selbst zu drängen, bis Du krank bist, eigentlich einen Versuch darstellt, Dich zu panzern: ich denke ans Überfressen. Die Leute werden sagen: „Wenn David sich überfrißt, ist er selbstzerstörerisch.“ Aber mir ist klar, daß, wenn ich mich überfresse, ich das nur tue, um Panik zu verhindern. Es ist ein Versuch, mich zu panzern.

Wenn ich mir also vorstelle, wie Du Dich solange antreibst, bis Du krank bist und das als „selbstzerstörerisch“ betrachtest, dann wird mir klar, daß alles Selbstzerstörerische in Wirklichkeit ein Versuch ist dich zu panzern.

Wie ist es, wenn Du Dich mit negativen Gedanken quälst? Was ist das? Könnte es sein, daß es auch nur einen Versuch darstellt, mit Deinem Gefühl der Panik umzugehen, sich dagegen zu panzern?

Es klingt paradox, aber das selbstzerstörerische Verhalten kann in Wirklichkeit einfach nur ein seltsamer Versuch sein, sich sicher zu fühlen, sich selbst zu sichern.

Du fühlst Dich so voller negativer Energie, weil Du krank bist. Die Krankheit ist, glaube ich, das Ergebnis einer Anhäufung negativer Energie; negativer Energie, die sich dadurch aufgebaut hat, daß Du versucht hast, alle Arten von Panik niederzuhalten. Panik darüber verletzlich zu sein.

Mir gefällt der Gedanke, daß es eine Panzerung ist, weil sie die idiotische Selbstverdammung beseitigt, das idiotische Moralisieren und das Schuldgefühl und die Selbstbeschämung, die wir alle uns selbst antun, wenn wir keine Ahnung haben, warum wir das tun, was wir tun.

Aber wenn wir sehen, daß wir Dinge tun, um die Panik in uns selbst zu verringern – in gewissem Sinne, um uns selbst zu retten – macht das alles so viel Sinn; und es besteht keine Notwendigkeit, uns sinnlos und unproduktiv zu verurteilen. Es stellt die Dinge in einen neuen Rahmen: irgendwie tun wir, was wir tun müssen, um nicht ganz auszurasten.

Wenn man das so sieht, kann man sich also zurücklehnen, sich selbst beobachten und denken: „Hmm, 'er' [ich] tut das, weil 'er' Angst hat, und das ist die seltsame Art und Weise, wie 'er' versucht, sich zu beruhigen.“

Und wir können Mitgefühl für uns selbst haben und verstehen. Das mildert den Schmerz des ganzen bis zu einem gewissen Grad, und ich denke, es bringt uns mit uns selbst in Kontakt, damit wir besser verstehen können, was wir tun. Das ist der Anfang, um die Tür zur Heilung zu öffnen.

Der Panzer ist der Versuch der Natur, sich selbst zu schützen.

 

Full Metal Jacket und die 1980er Jahre

Ich habe gerade Full Metal Jacket gesehen. So verdammt gut. Ich schäme mich dafür, im Jahr 2020 zu leben, 33 Jahre nach einem solchen Film. So viel Seele und Intelligenz in diesem Film. So tief, verglichen mit der Welt, in der wir jetzt leben.

Ich kann nicht glauben, daß dieser Film vor 33 Jahren, 1987, gedreht wurde. Ich war bereits 32 Jahre alt. 1987 scheint mir gar nicht so lange her zu sein. Und es waren noch nicht einmal die 70er Jahre. In meiner Psyche sind wir immer noch in den 80er Jahren! Das war gestern!

Schon in den 80er Jahren war dem Land so viel vom Leben entzogen worden. Damals gab es nur noch Echos von der Größe dieses Landes. In den 1960er und 1970er Jahren konnte man fühlen, wie die Seele des Landes starb. Es war sehr greifbar. Ich nehme an, daß die 1980er Jahre für mich das Jahrzehnt waren, in dem ich versucht habe, damit meinen Frieden zu machen.

Ich weiß nicht, warum ich über all das so trübsinnig bin. Ich bin nicht einmal in schlechter Stimmung. Irgendwie habe ich mich an die moderne Welt gewöhnt und versuche, auf meine eigene Art und Weise eine Seele in ihr zu finden, meistens tief in mir selbst, wo ich das Feuer der Liebe und der Sinnhaftigkeit vor dem Absterben bewahre. Ich will nicht melancholisch sein, ich habe bei all dem eine Art Zen-Geisteshaltung. Aber wenn ich um mich herum auf die Welt schaue, die wir haben, schäme ich mich einfach am Leben zu sein.

Ich spreche nicht von der Politik, ich glaube, es ist etwas viel Tieferes, etwas jenseits von links und rechts. Ich habe keine Ahnung, wie ich es beschreiben soll. Aber was auch immer es ist, es ist etwas, von dem ich nicht glaube, daß es durch irgendeine Art von Politik gelöst werden kann. Ich glaube nicht, daß wir durch Politik eine Art helle und glänzende Welt schaffen können. Politik macht sie nur noch schmutziger und häßlicher.

Wie auch immer, entschuldige, daß ich so düster bin. Wie ich schon sagte, habe ich in den meisten Fällen meinen Frieden mit all dem gemacht. Aber einen Film zu sehen, der so gut ist, erinnert mich daran, was gestorben und für immer verloren ist. Die Seele. Ich versuche, sie in den kleinen Dingen zu finden, indem ich ein guter Mensch bin, indem ich ein Vater bin, indem ich meine Partnerin liebe, indem ich versuche, ein guter Arzt zu sein. Und ich habe Erfolg in all diesen Dingen. Ich würde wohl sagen, ich habe in den 1980er Jahren meinen Frieden mit der Tatsache gemacht habe, daß die Welt im allgemeinen ein bedeutungsloses Stück Scheiße geworden war. Etwas Schönes war gestorben, und ich kann nicht einmal beschreiben, was es war. Meine Mission und meine Rolle besteht einfach nur darin, meine eigene Seele so weit wie möglich am Leben zu erhalten, zusammen mit allen, die ich mitnehmen kann. Es ist wie eine Art Dunkles Zeitalter. Aber wir müssen einfach immer wieder einen Fuß vor den anderen setzen und versuchen, unsere Herzen mit Liebe, Leben, Sinn und Glauben schlagen zu lassen.

 

Über die Seele

Im Laufe deines Lebens wirst du die besten Ergebnisse erzielen, wenn du immer versuchst, dir selbst treu zu bleiben. Es ist ein lebenslanger Kampf, und nur ein gewisses Maß an Wahrheit wird möglich sein, also kannst du genausogut dein Bestes geben, auch wenn dir das wie eine eher schlechte Idee vorkommt! Es ist eine Version von Fürsorge für die Seele und Speisung der Seele. Das Leben zermürbt irgendwie die Seele, deshalb muß man alles tun, was man kann, um sie zu schützen und zu fördern. Wenn du Erfolg hast, wird deine Seele im Laufe deines Lebens stärker und reicher werden, anstatt zu schrumpfen.

 

Der Panzer ist eine Lüge

[„Panzer“ ist ein Begriff, der sowohl psychologische Abwehrkräfte als auch physiologische Prozesse wie Muskelverspannungen und Durchblutungseinschränkungen beschreibt, die durch das autonome Nervensystem vermittelt werden. Alle Formen der Panzerung dienen letztlich dem Ziel die Angst zu mindern.]

Der Panzer ist eine Lüge. Er setzt sich aus den Lügen zusammen, die wir uns selbst erzählen mußten, um am Leben bleiben zu können und sicher zu sein und um nicht von Angst überflutet zu werden. Diese Lügen haben uns am Leben gehalten, also müssen wir eine Art grundlegenden Respekt vor dem Panzer haben. Ohne ihn hätten wir uns zu Tode erschreckt oder uns umgebracht oder wären wahnsinnig geworden. Wir müssen also Mitgefühl für unseren Panzer haben und ihn verstehen und ihm danken! Aber wir können auch Wege finden, um langsam die Fähigkeit aufzubauen, die Angst zu tolerieren, ohne sie verschwinden zu lassen durch Drogen oder Meditation oder durch Oberflächlichkeit, die das verleugnen, was darunter liegt, oder durch Überessen, oder durch den Rückzug in eine Fantasiewelt oder in den Wahnsinn (was eine andere Form der Flucht ist) oder durch Sabotage unseres eigenen Erfolgs und das Führen eines Lebens in Armut oder durch mangelnden Schlaf oder durch Vermeidung von Liebe. All dies sind Möglichkeiten, das Energieniveau zu senken und sich deshalb weniger ängstlich zu fühlen.

 

Über Güte, den Geist, die Seele und das Christentum: Gedanken nach dem Sehen von David Leans Geheimnisvolle Erbschaften

Habe mir Sinn und Sinnlichkeit (die Version von Emma Thompson) und David Leans Version von Dickens' Great Expectations (deutscher Titel: „Geheimnisvolle Erbschaften“) aus dem Jahr 1946 an diesem Wochenende erneut angeschaut. Beide waren auf erschütternde Weise wunderbar. Es fällt mir schwer, mir einen besseren Film als Sinn und Sinnlichkeit vorzustellen. Ich habe geweint und geweint, als ich die Macht von Taten der Güte und die schicksalhaften Wendungen des Lebens in die eine oder andere Richtung sah, mit denen wir alle zu ringen haben, wobei wir manchmal Glück haben.

Die Art von Menschen, die in diesen beiden Filmen dargestellt werden, sind die Art von Mensch, die ich sein will und immer sein wollte.

Als Kind habe ich mir Geheimnisvolle Erbschaften oft angesehen, weil es damals immer wieder im Fernsehen lief. Wie Sinn und Sinnlichkeit und so viele andere Geschichten des 19. Jahrhunderts konzentriert er sich so tiefgreifend auf den Charakter. In beiden Filmen geht es in jedem einzelnen Moment um Charakter, Oberflächlichkeit versus Tiefe und um Liebe und wie sich Dinge der Liebe in den Weg stellen, und um den Wunsch nach einem glücklichen Ende, und auch darum, das Richtige zu tun und die Kosten und Risiken, das Richtige zu tun und möglicherweise nie dafür belohnt zu werden, und um Gnade, die Reise der Seele und Erlösung.

 

Beim Anschauen von Geheimnisvolle Erbschaften habe ich mir vorgestellt, in einem anderen Leben als Literaturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts zurückzukehren. Das Verständnis des Primats des Charakters!

Ich war mir dessen nie zuvor bewußt, aber dieser und andere alte Filme nach Dickens' Romanen hatten einen großen prägenden Einfluß auf mein Weltbild. Wenn ich sie ansehe, habe ich das Gefühl, als würde ich die Entwicklung meiner gesamten Einstellung gegenüber dem Leben und den Menschen in meiner Kindheit noch einmal Revue passieren lassen.

Ich weiß nicht, wie ich diese Weltanschauung definieren soll. Es hat viel mit Güte zu tun. Nicht Ideologien von Güte, die auf zornigen Ideen über Klassenkampf, Rassismus und sogar Frieden basieren („zornige Ideen über den Frieden“ – das ist ein interessanter Widerspruch), sondern wirkliche Güte von einer Person zur anderen. Augenblicke der Gnade. Ein Streben nach einem Zustand der Gnade. Momente der Erlösung. Kein Ideologe, der von „Gerechtigkeit“ und „Gleichheit“ tönt, während er Dinge niederbrennt und Menschen angreift, usw. Wirkliche Menschen, die freundlich sind.

Ich denke, vieles davon läßt sich unmöglich vom Christentum trennen. Ich bin nicht in einem offenkundig religiösen Haushalt aufgewachsen. Meine Eltern betrachteten sich als Agnostiker. Ich betrachtete mich die meiste Zeit meines Lebens als Atheisten, wenn auch nicht als militanten. Aber jetzt wird mir klar, daß ich immer spirituell gewesen bin, auch wenn ich dieses Wort haßte. Mir ist jetzt klar, daß ich immer implizit daran geglaubt habe, daß wir Seelen haben und daß die Reise unserer Seele ein Kampf ist, ein Kampf, um unseren Geist zu schützen und wachsen zu lassen.

Ein Facebook-Freund machte diesen Kommentar zur Literatur des 19. Jahrhunderts: „Die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts drängten ihre Figuren dazu, das Richtige zu tun, auch wenn das schmerzhaft und nicht leicht ist, denn sie hatten eine ethische Sichtweise auf das Leben.“

Und für mich besteht die Essenz dieser ethischen Vision darin, daß sie mit dem Gewissen des Individuums zu tun hat, das sich durch individuelle Gnadenakte zwischen einer Person und einer anderen Person manifestiert, wenn niemand hinsieht und wenn das Individuum weiß, dass es niemals Anerkennung bekommen wird, außer vielleicht von Gott. Ich versuche hier eigentlich nicht, für die Vorstellung von Gott einzustehen – ich weiß nur nicht, wie ich es sonst ausdrücken soll! Manches davon scheint einfach irgendwie untrennbar mit dem Christentum und der Idee einer spirituellen Welt und einer Seele verbunden zu sein. Irgendwie bringt mich das alles zum Weinen. Es geht darum, ein offenes Herz zu haben, ein „gutes“ Herz, und das richtige zu tun, auch auf die Gefahr hin, das zu verlieren, was und wen man liebt, oder die Aussicht auf persönliches Glück. Transzendenz. Aufopferung. Treue. Integrität. Tiefe.

 

Die Geist-Körper-Beziehung und die „Gegenwahrheit“

Am Ende seines Buches Christusmord schrieb der österreichische Psychiater Wilhelm Reich einen Anhang mit dem Titel „Die Waffe der Wahrheit“. Die Waffe der Wahrheit ist eines von Reichs wichtigsten Schriftstücken. Darin prägte er einen neuen Begriff: „Gegenwahrheit“. Er definierte Gegenwahrheit als den Grund dafür, warum die Wahrheit sich nicht durchsetzt, und er sagte, daß die Gegenwahrheit zu verstehen manchmal sogar wichtiger sei, als die Wahrheit selbst, weil der Versuch nutzlos und möglicherweise sogar gefährlich ist, die Wahrheit voranzubringen, ohne die Gegenwahrheit zu verstehen.

Das Konzept der Gegenwahrheit ist ein soziologisches Konzept, und soweit ich weiß, hat Reich nie ausdrücklich Parallelen zur klinischen Situation gezogen, aber die Parallelen sind offensichtlich.

Man könnte sagen, daß psychologische Abwehr die Gegenwahrheit ist. Psychologische Abwehr ist „teuer“. Sie schränkt unsere psychische Gesundheit ein. Warum gibt es sie also? Die Gegenwahrheit der Abwehr ist, daß sie existiert, um zu verhindern, daß wir von Emotionen überwältigt werden, mit denen wir vielleicht nicht umgehen können.

Reich wies auf das Autonome Nervensystem (ANS) als das physiologische Substrat für das Funktionieren von Emotionen im Körper hin. Das ANS reguliert Dinge wie Herzschlag, Atemfrequenz und die glatte Muskulatur, die die Blutgefäße auskleidet und dadurch das Ausmaß des Blutflusses zu verschiedenen Organen des Körpers bestimmt, einschließlich der verschiedenen Regionen des Gehirns. Das ANS beeinflußt auch das Funktionieren des endokrinen Systems und des Immunsystems.

Das ANS stellt demnach den physiologischen Mechanismus der Psyche (Emotion) – und der Abwehr von Psyche und Emotion – im Körper dar. Reich behauptete auch, daß das ANS der Schlüssel zum Verständnis der uralten Frage nach der Natur der Verbindung zwischen Geist und Körper sei.

Wenn die Seele vor schmerzhaften Gedanken und Emotionen zurückschreckt, läuft dieser Schrumpfungsprozeß auch physiologisch ab und die Physiologie wird durch das ANS vermittelt.

Der sogenannte sympathische Zweig des ANS – der „Kampf oder Flucht“-Zweig – vermittelt das Phänomen von Angst und Wut im Körper. Bei Angst wird die Blutzufuhr umgelenkt, weg von bestimmten physiologischen Strukturen. Wenn die Blutversorgung auf diese Weise eingeschränkt ist, bedeutet dies, daß die Fähigkeit zur Krankheitsbewältigung in diesen Körperbereichen begrenzt ist, da die Blutversorgung die für die Krankheitsbekämpfung notwendigen Komponenten des endokrinen Systems und des Immunsystems liefert.

Es besteht also eine Art von Homöostase zwischen Gesundheit und Abwehr sowohl auf psychologischer als auch auf physiologischer Ebene. In gewisser Weise wird damit Freuds „Todestrieb“ neu formuliert. Warum sollte sich ein Organismus für den Tod „entscheiden“? Die Antwort ist, daß sich ein Organismus eher dafür entscheiden könnte zu sterben, als überwältigende Angst und Schmerzen zu erleiden. Und das ist die Gegenwahrheit von Leben und Tod in biologischen Organismen. Wir alle befinden uns in einem lebenslangen Kampf zwischen Lust und Angst, Leben und Tod.

 

 

zuletzt geändert
24.11.20

 

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