W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Über Panikattacken

David Holbrook, M.D.

 

Die klassische Panikattacke wird tatsächlich durch Angst vor der Angst verursacht. Der Betreffende wird ängstlich, wird dann aber ängstlich darüber, daß er ängstlich ist, weil er nicht ergründen kann, warum er ängstlich ist und von da an geht es abwärts. Wenn du deine Angst aushalten kannst und nicht vergißt auszuatmen, ist die Gefahr viel geringer, daß die Angst zu einer echten Panikattacke ausartet. Per Definition kann eine „Panikattacke“ als Reaktion auf etwas erfolgen, das bewußt ist, oder sie kann überhaupt keinen offensichtlichen Auslöser haben. In diesem Fall wird sie als „Panikstörung“ bezeichnet, wenn sie häufig über einen längeren Zeitraum auftritt. Gemeinhin versucht die gängige Psychiatrie zu insinuieren, daß das auf eine Chemikalie zurückzuführen ist, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, aber es liegt, soweit ich es beurteilen kann, immer eine psychologische Ursache vor. Im allgemeinen sind Menschen mit einer Panikstörung so wenig in Kontakt mit sich selbst, daß sie diese Ausbrüche an aufgestauter ängstlicher Energie haben, die aus ihrem Nervensystem ausbricht, weil so viel unterdrückt wird, daß das Nervensystem es einfach nicht mehr halten kann. Die psychische Energie im Nervensystem wird in rein somatische Energie umgewandelt, wenn eine Person nicht genügend Kontakt zu sich selbst hat, um dies zuzulassen. Angst ist ein Signal von den Teilen des Nervensystems („des Geistes“), die sich außerhalb des bewußten Gewahrseins befinden. So oft behandeln Patienten ihre Angst, als müßte sie sofort ausgemerzt werden, etwas Fremdes. Häufig sage ich ihnen: „DU bist deine Angst! Ein Teil von dir versucht, einem anderen Teil von dir etwas mitzuteilen. Höre hin und schau, was du lernen kannst.“

 

Über Kinder und Scheidung

Vor etwa 20 Jahren las ich ein langes Kapitel in einem Lehrbuch über Kinderpsychiatrie, in dem die Literatur über die Auswirkungen von Scheidungen auf Kinder zusammengefaßt wurde. Die generelle Schlußfolgerung der Autoren war, daß Kinder besser wegkommen, wenn die Eltern verheiratet bleiben, selbst wenn die Eltern selbst unglücklich sind. Es sei denn, die Eltern kämpfen körperlich miteinander.

Als ich andere Literatur las, wurde mir klar, daß es – passen Sie auf – eine politische Kluft bei diesem Thema gibt. Die liberaleren Forscher interpretieren die Daten so, daß diese nahelegen, eine Scheidung habe weniger negative Auswirkungen auf die Kinder. Ich hatte damals den Eindruck, daß die liberalen Forscher mehr darauf bedacht waren, den Narzißmus der Eltern zu rechtfertigen, und entsprechend die Auswirkungen auf die Kinder zu leugnen.

Ein oft wiederholter Gedanke ist, daß es für die Kinder nicht gut ist, ihre Eltern in einer unglücklichen Ehe zu erleben, es aber für sie gut ist, die Eltern glücklicher zu sehen, ob die nun allein oder in einer neuen und glücklichen Beziehung sind. Natürlich wird daran etwas Wahres dran sein. Aber ich glaube, der Gesamteffekt ist negativ. Eine Scheidung kann meiner Meinung nach auch eine oberflächliche Herangehensweise an Beziehungen fördern, wenn die Bindungen nicht so tief sind. Wenn es keine Loyalität, keine Tiefe und kein Engagement gibt, wie kann es dann echte Bindungen geben? Ich glaube, die Konservativen neigen zu einer eher langfristigen Sichtweise, die sich auf Tradition gründet, in denen sich über Tausende von Jahren Weisheit angesammelt hat. Auf der anderen Seite gibt es zwanghafte und repressive konservative Morallehren, die manchmal auch nicht gesund sind. Aber ich frage mich, welche Auswirkungen eine Scheidung auf die Fähigkeit von Kindern hat, später im Leben gesunde und dauerhafte, tiefe Bindungen aufzubauen.

Es ist überdeutlich, daß die jungen Menschen von heute eine oberflächliche und mechanische Art von Beziehungen entwickeln. Scheinbar sind alle Beziehungen oberflächlich und an Bedingungen geknüpft und enden oft damit, daß plötzlich und ohne jede Erklärung der Kontakt abgebrochen wird, und bei denen Liebe um jeden Preis vermieden und durch beiläufige und emotionslose sexuelle Kontakte ersetzt wird, die mit lieblosen Begriffen wie „Abschleppen“ usw. beschrieben werden. Der altmodische konservative Moralismus hinsichtlich Sexualität war ebenfalls ungesund, aber es lag zumindest ein Funken Wahrheit in der Weisheit, tiefere Bindungen zu kultivieren und Sex und Liebe nicht zu trennen. Ich trete hier überhaupt für eine Art Morallehre gegen die Trennung von Sex und Liebe ein. Ich spreche von den emotionalen Konsequenzen. Ich glaube nicht, daß das Problem durch Moralisieren und Geißeln von Menschen gelöst werden kann. Aber ich denke, es könnte hilfreich sein, diese Fragen miteinander und mit jungen Menschen anzugehen, denn junge Menschen sind heutzutage ahnungslos, was diesen Komplex betrifft. Wenn sie nicht in einem relativ traditionellen und relativ strengen religiösen Kontext aufwachsen, haben sie keine Prinzipien, die ihnen helfen können zu verstehen, daß sie Emotionen haben, die durch die Trennung von Sexualität und Liebe beschädigt werden könnten. Ich spreche hier von der Bedeutung von Zärtlichkeit und der Vorsicht, keinen anderen Menschen zu verletzen. Ich betrachte dies als ein emotionales, psychologisches und soziales Thema und nicht als ein moralisches oder religiöses. Ich denke, daß die Kinder einer Scheidung wahrscheinlich eher dazu neigen, relativ ahnungslos über die Beziehung zwischen Sex und Liebe zu sein.

Um zum allgemeinen Thema Scheidung zurückzukommen: Ich habe die Literatur seit 20 Jahren nicht mehr gelesen, aber ich habe es „gelebt“, indem ich leider selbst eine unvermeidliche Scheidung durchgemacht habe, und ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, daß sie einen lebensverändernden negativen Effekt auf meine Kinder hatte, obwohl es klar war, daß verheiratet zu bleiben einfach absolut nicht gangbar war.

Der Tod einer Familie ist eine schreckliche, schreckliche Tragödie. Kinder brauchen zwei Elternteile, die miteinander verheiratet sind und zusammenleben. Und sie müssen sehen, daß ihre Eltern einander lieben und bewundern und zusammen glücklich sind. Das ist die Grundlage von allem!

Die Ehe selbst ist ein eigenständiger Organismus. Sie birgt in sich die ganze Hoffnung auf das Gute im Leben und in den Menschen. Wenn sie stirbt, stirbt sie einen schrecklichen und schmerzhaften Tod. Ihre Todesqualen dauern ewig an. Es ist, als ob ein Mensch gestorben wäre, ein „Mensch“, der in gewisser Weise Vater und Mutter für alle in der Familie war, auch für die Eltern, da die Ehe sowohl kindliche als auch reife Bedürfnisse erfüllt. Es ist wie der Tod Gottes; von allem, was gut und verläßlich ist.

Als ich eines Tages, als ich acht Jahre alt war, entdeckte, daß meine Eltern sich scheiden lassen wollten, saß ich auf der Bettkante, während meine 11jährige Schwester versuchte, mich zu trösten. Meine Eltern waren nirgendwo zu finden. Ich vermute, sie waren zu deprimiert oder beschämt, um mit uns darüber zu sprechen. Es waren die 1960er Jahre, und Scheidungen waren noch relativ selten, und die Menschen schämten sich zutiefst dafür. Wir erfuhren durch unseren Schuldirektor von der Scheidung!

Ich schaukelte hin und her und sang: „Was ist Gott, was ist Unendlichkeit?“ Es war bizarr. Ich schätze, ich war im Grunde genommen in einem Zustand der Dissoziation. Meine elfjährige Schwester versuchte, mich in diesem Augenblick zu bemuttern, versuchte, mich zu trösten und zu beschützen, aber sie konnte es nicht. Dieser eine Moment veränderte mein Leben für immer. Ich war danach nie mehr derselbe. Ich glaube, in gewisser Weise bestimmte er viele oder die meisten Aspekte meines Schicksals, meiner Bestimmung als Mensch. Und ich glaube, ich versuche immer noch, die Fragen zu beantworten, die ich an diesem Tag gestellt habe.

Es muß schrecklich gewesen sein, mich „sterben“ zu sehen. Ich habe hilflos zugesehen, wie meine Kinder einen ähnlichen Tod starben.

Ich bin sicher, daß einige Menschen weniger schmerzhafte Scheidungen durchgemacht haben. Aber ich bin ziemlich sicher, daß der Gesamteffekt für Kinder normalerweise nicht gesund ist. Natürlich ist es eine Tragödie, auf die es keine einfache Antwort gibt. Aber ich denke, daß die Menschen zumindest teilweise den Ernst des Ganzen nicht ermessen.

 

Zu traumatischen Erfahrungen

Jemand schrieb mir über ein traumatisches Erlebnis, das diese Person vor vielen Jahren durchlebt hatte. Diese Person fragte mich, ob es jemals möglich sei, über eine solche Erfahrung hinwegzukommen. Es war schwierig, auf diese Frage zu antworten, weil sie so tiefgeht. Ich tat mein Bestes und antwortete auf diese Weise:

Es liegt in der Natur jeder Art von Trauma, daß wir uns hilflos fühlen, während es geschieht. Das traumatische Ereignis selbst ist beunruhigend, aber es reaktiviert und verstärkt auch die Auswirkungen jedes anderen Traumas, subtil oder offen, das wir zuvor erlebt haben. Dasselbe gilt für das nachfolgende Trauma, das ebenfalls die ursprüngliche traumatische Wunde verstärkt. Diese überwältigende Erfahrung führt dazu, daß wir in der Zeit wie festgefahren scheinen.

In gewisser Weise hören wir teilweise damit auf, uns zu entwickeln, weil wir Angst davor haben, uns wieder so zu fühlen. Aber wir müssen einen Weg finden, die erstarrten Emotionen wieder aufzutauen, sonst wächst das Trauma wie ein Krebsgeschwür und gewinnt ein Eigenleben.

Wir fühlen uns überwältigt, wir fühlen uns machtlos, wir fühlen uns unsicher, wir fühlen uns schwach und unzulänglich, und vielleicht geben wir uns sogar selbst die Schuld. Wir sind unfähig, es zu verarbeiten. Deshalb verfolgt es uns so lange, bis wir in der Lage sind, es im Laufe unseres Lebens Stück für Stück auf vielfältige Weise zu verarbeiten.

Das Trauma verschwindet wahrscheinlich nie ganz, aber wir können es als Ausgangspunkt nutzen, um entweder in der Therapie oder im Alltag an uns selbst zu arbeiten, oft indem wir anderen helfen, sich sicher und umsorgt zu fühlen.

Es tut mir sehr leid, daß Sie das durchmachen mußten. Es ist nicht ungewöhnlich, durch ein einziges Ereignis für immer verändert zu werden. Ich würde sagen, daß die einzige Möglichkeit, es zu überwinden, darin besteht, nicht zu leugnen, daß es da ist. Stellen Sie sich ihm, so wie sie es vermögen.

Ich wünsche Ihnen Frieden und Liebe.

 

„Ich weiß nicht, was ich mit meinen Eltern machen soll“: Textaustausch mit einer 13jährigen Patientin

Patientin: Ich spreche gerade mit meinem Freund darüber, aber ich weiß nicht, was ich mit meinen Eltern machen soll. Meine Mutter sagt immer, daß ich mit ihr reden kann, aber wenn ich mit ihr über meine psychischen Probleme spreche, sagt sie: „Na ja, das kannst du nicht machen, wenn du älter bist, wie willst du dann einen Job bekommen“, und sie erinnert mich nur daran, wie sich das auf mein Leben auswirkt. Und wenn ich über psychische Gesundheit spreche, schreit sie mich an und sagt: „Hör auf, das als Entschuldigung zu benutzen.“ Sie verstehen nicht, wie sich mein psychisches Zeugs auf mein tägliches Leben auswirkt. Wenn ich keinen Antrieb habe und nicht einmal aus dem Bett aufstehen will, schreien sie einfach: „Hör damit auf faul zu sein.“ Oder einmal, als ich über etwas sprach, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging, sagte meine Mutter: „Arghhh sei bitte nicht so besessen davon.“ Manche Dinge kann ich buchstäblich nicht kontrollieren, und sie schreien mich deswegen an, obwohl ich nicht einmal etwas dagegen tun kann. Jedes Mal, wenn ich versuche, meine psychischen Dinge und ihre Auswirkungen auf mich zur Sprache zu bringen, schreien sie mich an oder sie schreien mich einfach noch mehr an. Es ist, als ob sie alles wegschieben und so tun, als wäre ich einfach ihre perfekte Tochter, so wie ich es früher war, und das nervt mich wirklich, weil ich nicht weiß, was ich tun soll.

DH: Das Problem ist, daß jeder denkt, wir könnten immer zu 100 Prozent „rational“ sein, obwohl wir in Wirklichkeit in erster Linie emotionale Wesen sind, die auch vernünftig denken können, aber nicht unbedingt von der Vernunft geleitet werden. Emotionen haben zwar tatsächlich eine Logik, aber es ist nicht dieselbe Art von Logik, die wir gewohnt sind.

Du fühlst Dinge. Der beste Weg zu helfen (oder zu erziehen) ist es zuzuhören und nicht zu richten.

Das fällt Eltern oft schwer, weil sie sich von ihren eigenen Gefühlen distanzieren und von ihnen verängstigt und verwirrt werden. Deshalb reagieren sie mit einer, wie ich es nenne, „elterlichen Panik“, wenn ihre Kinder emotional in Not sind. Das ist ein Schlüsselthema, das es zu verstehen gilt: Wenn deine Eltern so reagieren, dann haben sie Angst! Wir sind alle Kinder, es ist nur so, daß einige von uns älter sind als andere!

Du beschreibst im Grunde genommen deine Mutter so, daß sie mit irgendeiner Form von Vernunft auf deine emotionalen Probleme reagiert. Vernunft und Emotion sind weitgehend zwei unterschiedliche Sprachen.

Wenn Emotionen gesund sind, sind sie ziemlich „rational“ und machen Sinn. Aber wenn sich das Gefühlsleben eines Menschen in Knoten verstrickt, sind sie chaotisch und schwer zu verstehen.

Was in einer solchen Situation erforderlich ist, ist Empathie, und ich würde sagen, das zeitweilige Aussetzen der Vernunft – höre auf, alles mit dem Gehirn zu ergründen, nehme stattdessen eine freundschaftliche Haltung gegenüber deinen eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer Menschen ein und versuche einfach, dich in die Gefühle einzufühlen und ihnen mit einer Haltung der Toleranz und Neugierde zuzuhören, ganz gleich, ob es deine eigenen Gefühle oder die eines anderen sind.

Emotionen sind so ähnlich wie das Wetter: Sie können nicht völlig kontrolliert oder wegdiskutiert werden. Sie müssen „verwittern“! Sie sind nicht „schlecht“. Man versucht nicht, mit einem Baby oder einem Hund vernünftig zu reden. Man arbeitet einfach mit ihrem emotionalen Zustand und hilft ihnen, sich zu beruhigen. Was Menschen betrifft werden diese, sobald sie sich emotional besser fühlen, automatisch vernünftiger denken, und die Lösungen, die sie suchen, werden ihnen von selbst aufgehen. Andere Menschen müssen nicht immer die “Antwort” liefern.

 

Die Welt ist ein beängstigender Ort

Während meines Psychiatriepraktikums im Medizinstudium wurde ich der Schizophrenie-Forschungsstation eines staatlichen Krankenhauses zugeteilt. Die Patienten auf dieser Station litten an den extremsten Ausprägungen der Schizophrenie. Einige standen stumm mit dem Gesicht zur Wand, während sie den ganzen Tag den Stimmen in ihrem Kopf lauschten. Andere liefen ruhelos umher, während sie mit ihren inneren Dämonen kämpften. Wir Medizinstudenten durften eine Reihe von Patienten befragen und uns einen aussuchen, mit dem wir vier Wochen lang arbeiten wollten. Ich wählte den lebhaftesten und aufgeregtesten Patienten. Er sprach in einem ununterbrochenen Wortschwall, in dem sich manchmal keine konventionellen Sätze, die man hätte leicht verstehen können, formten.

In den nächsten zwei Wochen saß ich jeden Tag mit dem Patienten im Aufenthaltsbereich der Station, während er entweder aus dem Fenster starrte oder sich eine Fernsehsendung ansah, während er ununterbrochen sprach, ohne mich in diesen ganzen zwei Wochen auch nur einmal anzusehen. Ich hörte ihm meistens nur zu und sprach selten, auch weil es schwierig gewesen wäre, ein Wort zu sagen.

Eines Abends saß ich auf meiner Stube und dachte über all die Dinge nach, über die der Patient in den vergangenen zwei Wochen zu mir gesprochen hatte. Sein Hauptthema waren gefährliche Explosionen verschiedener Art. Andere Themen waren typische paranoide Phantasien darüber, daß seine Aktivitäten und Gedanken von staatlichen Stellen überwacht werden usw. Ich stellte mir die Frage: Wie könnte ich all diese Ideen auf ein einziges emotionales Erlebnis herunterkochen, das alles zusammenfaßte?

Am nächsten Tag saß ich wieder neben meinem Patienten, während er auf den Fernseher schaute und mit seinem Wortschwall fortfuhr. Schließlich sagte ich zu ihm: „Ich habe über all die Dinge nachgedacht, die Sie mir erzählt haben, und es ist mir aufgefallen, daß die Welt ein beängstigender Ort für Sie ist.“ Was dann geschah, schockierte mich: Er hörte auf zu reden, drehte den Kopf und sah mir zum ersten Mal in die Augen und sagte einfach: „Das stimmt.“ Das Gefühl, das ich dabei hatte, war: „Oh mein Gott, ich habe den Nagel direkt auf den Kopf getroffen.“

Von diesem Moment an änderte sich für die restlichen vier Wochen sein ganzes Auftreten und Verhalten mir gegenüber dramatisch. Er sprach während dieser ganzen Zeit nie wieder über seine beängstigenden Fantasien und Ängste. Stattdessen sprach er mit mir wie ein normaler Mensch. Er fragte, ob wir zusammen auf dem Krankenhausgelände spazierengehen könnten, und wir bekamen die Erlaubnis, das zu tun. Er sprach darüber, daß er sich deprimiert und einsam fühlte und daß er keine Freundin hatte. Und das taten wir dann für den Rest meines Praktikums.

Wie verstehen wir diese plötzliche Verwandlung von seinem Leben in einem autistischen Universum voller beängstigender psychotischer Ideen hin zu einer Beziehung zu mir wie ein „normaler“ Mensch, der über seine Gefühle spricht? Die Geschichte scheint völlig unglaublich, aber es ist eine wahre Geschichte. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben.

Ich kann mir daraus am ehesten wie folgt einen Reim machen: Ich habe die Emotionen aus seinem Gedankenwirrwarr extrahiert und ihm zu verstehen gegeben, daß ich verstehe, daß er Angst hat. Das half ihm, sich bei mir sicher genug zu fühlen, um mit seiner Angst in Kontakt zu kommen, und daraufhin mit der Traurigkeit, die darunter lag. Weil ich ihm bereits gezeigt hatte, daß ich ihn verstand, fühlte er sich dann bei mir sicher genug, um seine eigene Traurigkeit zu erleben und sie einem anderen Menschen gegenüber auszudrücken.

 

 

zuletzt geändert
16.07.21

 

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