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Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Autorität

David Holbrook, M.D.

 

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich die Einfachheit von Dr. Konias Definition des Antiautoritarismus aus seinem Buch The Emotional Plague begriffen habe:

Antiautoritarismus: Das soziale System, das sich auf jeder Ebene der sozialen Organisation sowohl neurotischen (irrationalen) als auch rationalen Autoritäten widersetzt. (S. 453)
Dr. Konia sagt also, daß das Baby mit dem Badewasser ausgegossen wurde: Wir haben die irrationale Autorität (Autoritarismus) von uns gewiesen. Dabei haben wir aber auch die rationale Autorität verworfen. Zum Beispiel enthielt die autoritäre Tradition viele rationale Elemente – nicht den Autoritarismus selbst, sondern innerhalb der autoritären Tradition gab es eine gewisse Gesundheit, die jetzt vollständig verworfen wurde.

„Rationale Autorität” bedeutet, vom Kern her zu funktionieren, da die Autorität vom Kern her kommt. „Rationale Autorität“ bedeutet also einfach gesundes Funktionieren. Rationale Autorität ist keine Form von Autoritarismus. Selbstregulierung selbst erzeugt rationale Autorität und umgekehrt. Rationale Autorität muß nicht nur in Erscheinung treten, wenn die irrationale Autorität ihren Kopf erhebt. „Rationale Autorität” bedeutet einfach, auf gesunde Weise mit Kernkontakt zu funktionieren. Es impliziert nicht Autoritarismus, daß man autoritär ist oder jemanden herumkommandiert oder ein Polizist ist oder so etwas.

Die Art und Weise, wie der Begriff „Autorität“ hier verwendet wird, ist vielleicht etwas anders als das übliche Verständnis des Wortes.

Das Wort „Autorität“ leitet sich vom lateinischen Wort „auctor“ ab, was „Urheber“ oder „Gewährsmann“ bedeutet. Das Wort „Autor“ leitet sich ebenfalls von „auctor“ ab. Ich denke, die Etymologie stimmt hier mit dem Konzept von Autorität überein, die aus dem Kern stammt, da der Kern in gewisser Weise der Ursprung von allem ist.

 

 

Über das Vatersein und „Autorität“

Brief an den Vater eines sensiblen Teenager-Jungen

[Dies ist ein Brief, den ich dem Vater eines Patienten von mir nach einer Familientherapiesitzung geschrieben habe. Die Namen und alle identifizierenden Informationen wurden geändert. Die Themen sind universell.]

Hallo Paul, im Grunde versuche ich, wie immer, Brücken zwischen Ihnen und Martin zu schlagen.

Wir alle leben in einzigartigen und unterschiedlichen Wahrnehmungsuniversen. Das gilt besonders für Martin.

Ich denke, Sie haben im Laufe der Jahre eine fantastische Arbeit geleistet, indem Sie Ihre Herangehensweise bei ihm aufgeweicht haben. Ich glaube, daß das manchmal hilfreich war und so hoffentlich auch weiterhin in gewissem Maße.

Während der Sitzung war mir klar, daß Sie sich ganz einfach wünschen, daß er sich Ihnen und Lisa und der Familieneinheit und dem Familienerlebnis gegenüber liebevoller verhalten möge. Meiner Meinung nach könnten Sie mehr Glück haben, wenn Sie es einfach so ausdrücken. Ich glaube immer noch, daß Sie ein wenig die Tendenz haben in eine Abwehrhaltung zu geraten, und statt das zu sagen, was ich hier vorschlage, könnten Sie etwas sagen wie: „Es ist mir egal, ob Du Dich so verhältst, als ob Du uns nicht mögen würdest, aber Du mußt einfach ein bestimmtes Benimm aufrechterhalten.“ Es wäre vernünftig das zu sagen, aber es ist wirklich nicht die ganze Geschichte. Ich glaube nicht, daß Sie wollen, daß er nur bestimmte Verhaltensstandards aufrechterhält, und ich glaube, daß Sie etwas bessere Ergebnisse erzielen könnten, wenn Sie es konsequenter formulieren würden. Etwa: Sie lieben ihn und Sie wünschten, er könnte sich Ihnen allen besser öffnen.

Nach all dem stelle ich natürlich fest, daß Martin als Kind zu haben unglaublich schwierig ist, zumindest in gewisser Weise. Meine Bemerkungen an Sie bedeuten also nicht, daß ich das bestreite oder daß ich Ihnen die Schuld für seine Probleme gebe. Ich denke nur, daß er ein sehr einzigartiges Individuum ist und als solches einen maßgeschneiderten elterlichen Erziehungsansatz benötigt, wie es alle Kinder tun.

Ich glaube nicht, daß es eine Frage der „Autorität“ ist. Ich denke, daß wahre Autorität dem Band der Liebe entspringt, das da ist. Was also für mich Sinn macht, ist nicht zu versuchen, unverletzlich zu erscheinen und in jeder Hinsicht als die Autorität aufzutreten.

Sie sind die Autorität, ob Martin das anerkennt und respektiert oder nicht, weil Sie ein Vater sind. Er kann Ihnen Ihre Autorität nicht wegnehmen. Autorität kommt nicht von anderen Menschen, die Ihre Autorität respektieren. Autorität kommt von Ihnen, weil Sie schlicht eine Autorität sind. Für mich handeln die Menschen, die am besten eine Autorität sind, einfach so und geraten nicht in eine Abwehrhaltung. Sie bleiben ganz einfach weiterhin eine Autorität. Und ihr Vertrauen in ihre Autorität strahlt einfach irgendwie von ihnen aus. Tatsächlich sind sie so absolut selbstgewiß, daß sie sich in keiner denkbaren Situation abwehrend oder ungeschickt verhalten müßten. Ihre Gelassenheit zeigt ihre Autorität und daß sie tatsächlich das Sagen haben (soweit das möglich ist). Und ich glaube, daß Sie die Merkmale der Autorität, die ich hier beschreibe, recht gut erfüllen. Aber ich denke, es gibt immer noch Spielraum für Verbesserungen.

Ich glaube also nicht, daß es die Autorität untergräbt, wenn man zeigt, daß man einfach ein Mensch ist und daß es weh tut, ein Vater zu sein, dessen Sohn sich oft nicht um dich oder seine Mutter zu scheren scheint.

Ich konzentriere mich hier nur auf Sie, weil Sie Martin nicht ändern können. Wir können andere Menschen nicht viel ändern, nicht wahr? Alles, was wir tun können, ist, unser eigenes Verhalten gegenüber anderen Menschen anzupassen, um zu versuchen, einen besseren Weg zu finden, um eine Brücke zu ihnen zu bauen, um einen Weg hinein zu finden. Und wenn wir das geschafft haben, können sich andere Menschen bis zu einem gewissen Grad ändern.

Martin ist, unter seiner Fassade, ein sehr anständiger Mensch; und das spricht für Sie und Lois. Und es war mir immer klar, wie sehr Sie, Paul, Ihren Sohn lieben und wie sehr Sie sich wünschen, daß er etwas Liebe zurückgebe. Ich denke, Sie sollten in dieser Hinsicht einfach ehrlich zu ihm sein. Wegen seines Anstands würde er, glaube ich, darauf reagieren. Und wie gesagt, ich glaube nicht, daß es Sie als Mann oder als Autorität schmälert, ihm das zu zeigen. Ich denke, daß jeder Mann, der wirklich an seine Männlichkeit und an seine Autorität glaubt, nicht dadurch bedroht ist, daß er seine Waffen fallen läßt und sein Herz jemandem zeigt, den er liebt.

In Bezug auf Martin: Ein Patient, den ich etwa 12 Jahre lang gesehen habe, züchtet und trainiert Pferde. Er sprach immer über Pferdepsychologie. Ein Begriff, den er verwendete, war „Angstbeißen“. Pferde fassen nicht leicht Vertrauen. Sie können sentimental und loyal und anhänglich sein, aber sie tun es auf die Art und Weise, wie ein Pferd es tut, was oft indirekt ist. Sie stellen dich ständig auf die Probe. Sie sind von Natur aus ängstliche Tiere, weil sie entwicklungsgeschichtlich Beute sind. Deshalb werden sie aggressiv und beißen dich sogar, aber aus Angst: Angstbeißen. Ich glaube, das ist es, was Martin tut.

Was für andere so schwer zu verstehen ist, ist, wieviel Angst Martin die ganze Zeit durchmacht. Ich denke, Sie haben wahrscheinlich diese Art von Angst in Ihrem Leben nicht gespürt; oder wenn doch, dann war es, als Sie jünger waren und Sie haben sie überwunden. Wir vergessen so oft, wie es war, wenn wir etwas überwunden haben. Wir wollen uns nicht daran erinnern und das schafft einen blinden Fleck in uns als Eltern.

Dies ist schon ein ängstlicher Mensch! Das hat mit seiner Natur zu tun. Ich glaube nicht, daß Sie oder Lisa das verursacht haben. Er hat eine Art von Nacktheit an sich, psychologisch und emotional; deshalb hat er sich ein hartes Äußeres aufgebaut. Ich vermute, daß er sie darin etwas nachgeahmt hat! Vielleicht sind Sie beide sich also ähnlicher, als es für mich offensichtlich ist. Ist es möglich, daß Sie ihm einmal ein bißchen ähnlicher waren? Ich vermute, daß das wahrscheinlich wahr ist, obwohl ich nicht glaube, daß Sie jemals so „Martin“ waren wie Martin.

Ich sehe seine Ängste als Folge einer angeborenen Sensibilität und einer angeborenen Verwundbarkeit gegenüber dem Universum. Daher kommt seine Kunst, und deshalb ist seine Kunst für ihn therapeutisch. Schauen Sie sich einfach seine Kunst an, und Sie können sehen, was in ihm vorgeht. Ich erinnere mich, daß es seine Kunst war, die Sie überhaupt erst dazu gebracht hat, ihn zu mir zu bringen. Es war so verstörend.

Wie er zu sein, bedeutet, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Dinge zu sehen und zu fühlen, die andere Menschen nicht so wahrnehmen. Wie er zu sein, bedeutet, ständig unter einer Flut von Eindrücken und Wahrnehmungen zu stehen, die einfach völlig überwältigend sind. Und das macht ihn charakterologisch paranoid. Nicht Paranoia mit all dem, was bei psychotischen Menschen vorliegt, sondern eine „mildere“ charakterologische Form. Menschen mit dieser Natur finden es schwierig, mit anderen Menschen zusammenzusein.

Deshalb kämpft Martin mit der Tendenz, sich von der Welt zu isolieren. Und wenn jemand versucht, ihn aus seinem Schneckenhaus zu zwingen, kommt es bei ihm zum Angstbeißen.

Menschen mit dieser Art von Natur sehnen sich danach, verstanden und richtig wahrgenommen zu werden, aber sie fühlen sich ständig mißverstanden und falsch wahrgenommen, weil es für die meisten Menschen fast unmöglich ist, zu verstehen, wie es ist, so zu sein! Menschen mit dieser Art von Natur scheinen also „ohne ersichtlichen Grund“ wütend zu werden.

Ich würde empfehlen, so hart wie möglich zu versuchen, es nicht persönlich zu nehmen. Das ist Ihre Herausforderung als Vater. Erheben Sie sich darüber. Meiner Meinung nach können Sie ein sogar noch größerer Vater sein, als Sie es bereits sind, wenn Sie sich dieser Herausforderung stellen und der größere Mann sind. Indem Sie das tun, zeigen Sie, daß Sie in der Tat eine große Autorität sind – eine, der man vertrauen, die man respektieren, bewundern und lieben kann – und gleichzeitig sogar ein gutes Vorbild für ihn.

All das bedeutet nicht, daß Sie ihm keine Grenzen setzen und ihm nicht sagen können, was Sie von ihm erwarten. Ich spreche davon, wie Sie es tun. Ich glaube, Sie haben sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren um etwa 80% verbessert. Ich glaube, man kann es noch ein bißchen mehr optimieren, und ich glaube, wenn Sie das tun, haben Sie eine bessere Chance, die Bindung zwischen ihm und Ihnen zu stärken, so daß Sie vielleicht ein bißchen mehr Kooperation von ihm bekommen und ihn dazu bringen können, die Familie ein bißchen mehr in sein Herz zu lassen. Ich denke, das ist ein erreichbares Ziel. Aber ich glaube auch, daß es Demut erfordert.

Ich glaube (abgesehen von einem militärischen Kontext oder so etwas), daß die Menschen, die am besten in verantwortlicher Position agieren und die Autorität ausüben können, gleichzeitig auch die Fähigkeit haben, sich sehr bescheiden zu verhalten, wenn die Situation es erfordert. Für mich haben viele Erziehungsprobleme mit der Neigung zu tun, Demut mit Schwäche zu verwechseln. Ich glaube sogar, daß die stärksten Menschen die meiste Demut zeigen können. Das ist eine wirklich tolle Kombination: Stärke und Demut. Wenn man beides ausbalancieren kann, ist man ein Übermensch!

 

Die drei Schichten der biopsychischen Struktur

Im folgenden beschreibt Reich seine These, wie die Unfähigkeit, in romantischer (sexueller) Liebe volle Befriedigung zu erfahren, mit dem Zusammenbruch der Sozialstruktur zusammenhängt.

Wenn Reich von „Sex“ spricht, meint er „genitale Liebe“, d.h. eine Sexualität, die vollständig in die Liebe integriert ist, im Gegensatz zum lieblosen Ficken. Im Grunde sprach er also von der Fähigkeit zu lieben, von der Fähigkeit, sich an etwas auf gesunde, freie, hingebungsvolle und ungehemmte Weise hinzugeben.

Die Unterscheidung zwischen sexueller Liebe und Sex im mechanischen Sinne ist entscheidend, denn was wir in der heutigen Welt sehen, ist, daß mechanischer Sex überall ist – aber wo ist die Liebe? Wo ist die Sanftheit? Wo ist Zärtlichkeit?

Reich prägte 1927 den Begriff „sexuelle Revolution“. Er prophezeite, daß es, sobald die Gesellschaft die sexuelle Unterdrückung der autoritären Ära überwunden habe, ein Zeitalter des lieblosen Fickens und des gesellschaftlichen Chaos gäbe, das noch schlimmer sein würde als die autoritäre Kultur, die er selbst so energisch bekämpfte.

Reich schrieb während der autoritären Ära, die in den frühen 1960er Jahren, 5 Jahre nach seinem Tod, endete. Er sagte voraus, daß nach dem Ende der autoritären Ära eine (vielleicht Jahrhunderte dauernde) Periode gewalttätigen Chaos herrschen würde, während die Menschheit versuchte, ihren Weg zu einer natürlicheren Funktionsweise zu finden, die weder autoritär, noch ein chaotischer Ausbruch der destruktiven Triebe wäre, die von der traditionellen konservativen autoritären Kultur teilweise in Schach gehalten wurden.

Ich glaube, daß das, was wir heute erleben, ein Ausbruch von Sadismus ist, der aus dem Zusammenbruch der oberflächlichen Schicht herrührt, den Reich vorhergesagt und weiter unten beschrieben hat. Zusammen mit diesem Sadismus erleben wir den Ausbruch einer neuen Art von Autoritarismus, diesmal von links.

Jede junge Generation spürt, daß sie im Begriff ist, in das einzutreten, was Reich die „gepanzerte“ Welt nannte, und jede Generation kämpft mächtig darum, dem zu widerstehen, und sehnt sich verzweifelt und auf krampfhafte Weise nach etwas Besserem. So ist jede junge Generation anfällig für extreme Bewegungen verschiedener Art, die eine bessere, liebevollere, menschlichere soziale Existenz versprechen.

Meiner Ansicht nach sehnt sich jeder danach, diesen natürlichen „Kern“ zu finden, auf den sich Reich weiter unten bezieht, und irgendwie eine Welt aufzubauen, die sozial und politisch von diesem Kern aus funktioniert. Da es aber nie eine solche Kultur in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, außer vielleicht in ein oder zwei kleinen isolierten „primitiven“ Kulturen, hat die Menschheit keine Ahnung, wie man eine solch natürliche, gesunde Welt aufbaut.

Reich erlebte Mitte des 20. Jahrhunderts den Wirbelsturm aus rechter und linker Politik persönlich. Er sah das Scheitern beider, eine bessere Welt zu schaffen.

Reich, W. (1942): Die Funktion des Orgasmus. Frankfurt: Fischer TB, 1972

Kapitel VII: Eine mißglückte biologische Revolution

3. Faschistischer Irrationalismus

„Es ist nicht zu gewagt, daß die kulturellen Umwälzungen unseres Jahrhunderts durch das Ringen der Menschheit nach Wiedergewinnung der natürlichen Gesetze des Liebeslebens bestimmt sind. Dieses Ringen um Natürlichkeit und Einheit von Natur und Kultur gibt sich in den verschiedenen Formen mystischer Sehnsucht, kosmischer Phantasien, 'ozeanischer' Gefühle, religiöser Ekstasen, und vor allem im fortschreitenden der sexuellen Freiheiten bekannt; es ist unbewußt, neurotisch widerspruchsvoll, angsterfüllt, und es erfolgt oft in den Formen, die die sekundären, perversen Triebe kennzeichnen. Eine Menschheit, die jahrtausendelang gezwungen war, ihr biologisches Grundgesetz zu verleugnen und infolgedessen eine zweite Natur, die eine Widernatur ist, erworben hat, kann nur irrationale Raserei geraten, wenn sie die biologische Grundfunktion restituieren will und davor Angst hat.
Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat versucht, die sekundären asozialen Triebe durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten. So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein strukturell dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das Freudsche 'Unbewußte', in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversion aller Art etc. in Schach gehalten sind, ohne jedoch das geringste an Kraft einzubüßen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewußt meist nur als gähnende innere Leere und Öde empfunden. Hinter ihr, in der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Diese letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewußt und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Erziehung und Herrschaft. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mensch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.“ (S. 175f)

 

Freiheit: Ihr Zusammenhang mit psychischer, soziopolitischer und wirtschaftlicher Gesundheit

Psychisch gesunde Menschen neigen dazu, nach den Ursprüngen und den Lösungen für ihre Probleme bei sich selbst zu suchen. Sie fragen sich: „Was tue ich, um meine eigenen Probleme zu verursachen, und was kann ich tun, um sie zu beheben?“ Weniger psychisch gesunde Menschen neigen dazu, anderen oder der Umwelt die Schuld für ihre Probleme zu geben und die Lösungen für ihre Probleme bei externen Quellen zu suchen. Sie werden neurotisch abhängig von anderen Menschen oder Institutionen und suchen die Lösung ihrer Probleme bei diesen externen Quellen, anstatt die Hindernisse zu erkennen, die sie selbst in sich selbst haben. Das sieht man sehr deutlich im Bereich der psychischen Gesundheit: Je gesünder Menschen werden, desto mehr wird ihnen bewußt, wie sie sich selbst sabotieren und was sie selbst dagegen tun können. Ihre Art der Wahrnehmung verändert sich. Infolgedessen können sie sich wirksamer gegen neurotische zwischenmenschliche und soziologische Verstrickungen wehren und effektiver nach gesünderen Wegen suchen, sich auf Menschen einzulassen und sich an sie zu binden. Sie werden auch objektiver in ihrer Art, die Dinge wahrzunehmen.

Natürlich findet gesundes Leben nicht in einsamer Abgeschlossenheit statt. Unsere Beziehungen und Verbindungen sind die wichtigsten Dinge in unserem Leben und die Träger unserer Gesundheit. Verbundenheit ist so wichtig und essentiell. Aber nur unter der Bedingung von Freiraum sind wir bei der Wahl unserer Beziehungen und Verbindungen frei. Wenn die Menschen frei wählen können, mit welchen Menschen sie sich verbinden und wie sie handeln wollen, sind die daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Systeme weitaus dynamischer und produktiver, als dies jedes totalitäre politische oder wirtschaftliche System jemals bewerkstelligen kann. Das hat sich in den letzten 100 Jahren immer wieder erwiesen, und doch verhindern Ideologie und psychosoziale Pathologie, daß die Menschen das wahrnehmen, was direkt vor ihren Augen liegt.

Weil psychisch gesunde Menschen in der Lage sind wahrzunehmen, daß die Lösungen für ihre Probleme in ihnen selbst liegen, suchen sie nach mehr Freiheit und Freiraum, damit sie individuell handeln können, um ihr Leben zu verbessern. Dies gilt überall auf der Welt. Totalitäre Regierungsformen auf der rechten oder linken Seite gedeihen, wenn sich die Bevölkerung hilflos fühlt. Ein wahnhaftes Versprechen von Sicherheit nimmt überhand und entweder die rechte oder die linke Version dieser Wahnvorstellungen übernimmt die Macht. Es herrschen rechte oder linke Versionen der Paranoia. Bestimmte Einzelpersonen oder Gruppen oder Klassen oder Nationen werden zum Sündenbock gemacht, und man sagt uns, daß sie die Quelle unserer Probleme sind. Totalitaristen betreiben Bauernfängerei: Gebt uns eure Freiheit, und wir werden euch eine bessere Welt geben. Aber das ist Narrengold.

 

Autoritarismus, Antiautoritarismus und Kontakt

Dies mag wie eine etwas willkürliche Anmerkung erscheinen, aber es fällt mir oft auf, daß wir, wenn wir über die antiautoritäre Transformation sprechen, einfach nur über eine bestimmte Form der Kontaktstörung im sozialen Bereich sprechen. Mit anderen Worten, was ich zu betonen versuche, ist, daß das Konzept der antiautoritären Transformation vielleicht nicht so kompliziert ist, wie es manchen von uns manchmal erscheinen mag.

Dr. Konia hat den Antiautoritarismus so definiert:

Antiautoritarismus: Das soziale System, das sich sowohl neurotischer (irrationaler) als auch rationaler Autorität auf jeder Ebene der sozialen Organisation entgegenstellt. (Konia, C. 2008: The Emotional Plague, Princeton, NJ: A.C.O. Press, S. 453)
In einem Gespräch mit Dr. Konia vor etwa einem Jahr fragte ich ihn, ob das folgende eine zutreffende Interpretation seiner Definition sei, und er stimmte mir zu. Ich sagte, es schien mir, als beschreibe er, wie die antiautoritäre Person „das Kind mit dem Bade ausschüttet“.

Das Badewasser im Autoritarismus setzt sich aus den neurotisch/irrationalen Aspekten des Autoritarismus zusammen, die sich aus seiner gepanzerten sekundären Schicht ergeben: Die Panzerung hindert den Autoritaristen daran, vollen Kernkontakt aufzunehmen, und hindert ihn so daran, vollständig funktionell zu denken. Der Autoritarist hat aber auch einen gewissen Teilkontakt zum Kern (das „Baby“) und nimmt daher instinktiv die Notwendigkeit wahr, die Kontrolle über die irrationalen Aspekte in der Gesellschaft zu behalten. So erkennt der autoritäre Mensch intuitiv, daß gepanzerte Menschen nicht in der Lage sind, gesund zu funktionieren, und deshalb Einschränkungen benötigen. Wenn man gepanzerten Menschen „Freiheit“ schenkt, bricht ihre sekundäre Schicht an die Oberfläche, mit schwerwiegenden und gefährlichen Folgen.

Der antiautoritäre Mensch hat eine Mischung aus rationalen und irrationalen Motiven: der rationale Teil ist sein Wunsch, das schmutzige Badewasser, das sich aus den irrationalen Aspekten des Autoritarismus zusammensetzt, wegzuschütten. Der irrationale Teil der Motive des Antiautoritären besteht darin, das Baby (den Kern) gleichzeitig mit den im Autoritarismus enthaltenen Manifestationen des Badewassers/der zweiten Schicht wegzuschütten. Dieses Wegschütten des Kerns durch den Antiautoritären ist auf seinen mangelnden Kontakt mit dem Kern zurückzuführen, was auch dazu führt, daß der Antiautoritäre die gefährlichen Aspekte des „Freilassens“ der sekundären Schicht nicht wahrnimmt.

Der Autoritarist versteht die sekundäre Schicht („Erbsünde“, „der Teufel“) intuitiv; in diesem Sinne ist sein Denken teilweise funktionell: Er spürt die Notwendigkeit, die sekundäre Schicht einzudämmen, und er kann teilweise durch die oberflächliche Fassade hindurchsehen.

Der Antiautoritäre nimmt die durch die sekundäre Schicht geprägten Aspekte des schwarzen Faschismus wahr, weil sie so offensichtlich sind, im Gegensatz zu den Aspekten der sekundären Schicht des roten Faschismus, die sich hinter einer messianischen oberflächlichen und mechanistischen Vision von einer gesunden und wohlmeinenden Gesellschaft verbergen. Der Antiautoritäre ist unfähig, die schwerwiegenden und gefährlichen Aspekte der sekundären Schicht des roten Faschismus zu sehen, weil der Antiautoritäre fast ausschließlich in seiner oberflächlichen Schicht lebt und daher zu wenig Kernkontakt hat, um die oberflächlichen Aspekte der linken Ideologie zu durchschauen und die mörderische Komponente der sekundären Schicht wahrnehmen zu können.

Die Sehnsucht des Antiautoritären nach einer besseren Welt ist zumindest teilweise echt. Vielleicht empfindet er die Sehnsucht dringender als der Autoritäre, weil der Antiautoritäre wahrscheinlich weniger muskulär gepanzert ist. Aber aufgrund der größeren Augenpanzerung des Antiautoritären nimmt er die sekundäre Schicht bei sich selbst und anderen weniger wahr und hat deshalb kein Gespür dafür, wie seine politische Ideologie nicht nur keine bessere Welt herbeiführen, sondern sogar eine Katastrophe auslösen wird.

 

Die Ironie des Sozialismus

Marxisten und Sozialisten erheben den Anspruch, Anwälte des einfachen Volkes zu sein. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es gibt nichts, was sie mehr hassen oder mehr fürchten als das einfache Volk! Das ist die Ironie des Marxismus und Sozialismus.

Wo es wirtschaftliche und individuelle Freiheit gibt, haben Individuen (die immerhin die ultimative „Minderheit“ darstellen) Rechte, die ihnen nicht weggenommen werden können. Sie sind frei zu handeln, frei zu wählen, frei erfolgreich zu sein oder frei zu scheitern (obwohl wir in wohlhabenden kapitalistischen Demokratien Sicherheitsnetze aufbauen, die weit großzügiger sind als das, was viele Menschen in einer sozialistischen Wirtschaft jemals erhoffen könnten). Die Macht ist auf der mikrokosmischen Ebene im Individuum konzentriert, das frei ist, spontan dem nachzugehen, was immer das auch sein mag.

In einer sozialistischen oder marxistischen politischen Organisation hingegen ist die Macht an der Spitze, in der Bürokratie, konzentriert; mit anderen Worten, die Macht ist in einer politischen Elite konzentriert. Alles wird auf mechanische Weise organisiert und geplant, von der Spitze aus, von einigen wenigen ausgewählten Eliten. Die individuellen Wahl- und Freiheitsmöglichkeiten sind viel eingeschränkter, das spontane Leben wird unterdrückt. Kein Wunder, daß die Eliten diejenigen sind, die den Sozialismus und den Marxismus am meisten befürworten, viel mehr als das einfache Volk! Das sieht man in der Geschichte immer wieder! Es liegt daran, daß die Eliten diejenigen sind, die am Ende die Dinge leiten werden! Es ist nichts weiter als ein Projekt der Eliten an der Spitze zu bleiben und nicht vom einfachen Volk hinweggefegt zu werden, das hart arbeitet und an die Spitze aufsteigen und ihren Platz einnehmen könnte!

Je mehr die Macht im öffentlichen Sektor konzentriert ist, desto mehr ähnelt eine Gesellschaft einem kopflastigen Polizeistaat. Hier ist also ein weitere Ironie: Die Linken auf den Straßen erzählen uns, daß sie der Polizei die Mittel entziehen und dann durch was genau ersetzen wollen? „Gemeindeorganisationen“. Hmm. Ich frage mich, was genau eine „Gemeindeorganisation“ ist. Lassen Sie mich raten: Es ist so etwas wie eine kommunistische Zelle. Also: Wenn die Linken dafür eintreten, der Polizei die Mittel zu entziehen, dann nicht, um die Polizei durch etwas Gutartigeres zu ersetzen. Sie sagen sie befürworten das, aber das stimmt nicht. Wissen sie überhaupt, daß es nicht wahr ist? Wahrscheinlich nicht! Warum sollten wir von ihnen erwarten, daß sie vernünftig denken, wenn sie keinerlei Anzeichen dafür zeigen, daß sie überhaupt vernünftig denken? Es ist wie ein riesiger LSD-Trip!

Es stellt sich also heraus, daß die Antiautoritaristen letztendlich diejenigen sind, die den Weg zu einem größeren Autoritarismus befürworten!

Ironisch, nicht wahr? Ein Trojanisches Pferd. Es sieht sehr hübsch aus, man sagt uns, es sei ein Geschenk. Wir rollen es durch die Stadttore, und dann raten Sie, was passiert?

 

zuletzt geändert
25.08.20

 

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