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Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

Wahrheit, „Triggering“, Political Correctness, Beziehungen und Demokratie

David Holbrook, M.D.

 

Ein Problem in der menschlichen Kommunikation (nicht nur in politischen Gesprächen) besteht darin, daß sowohl die Wahrheit als auch die Verzerrungen der Wahrheit uns „triggern“ können. Mit anderen Worten, können sie dazu führen, daß wir gereizt und wütend werden. Dies gilt auch für Aussagen, die wir möglicherweise als unhöflich, schädlich oder politisch inkorrekt empfinden. Von daher besteht eine der großen Herausforderungen, vor der wir alle stehen, darin, unterscheiden zu können, ob wir verärgert sind, weil uns die Wahrheit gesagt wird, oder ob wir verärgert sind, weil man uns Lügen auftischt!

Dies kann sowohl für unser Privatleben als auch für unser politisches Leben gelten. Wir halten sowohl an Wahrheiten als auch an Unwahrheiten in Bezug auf unsere Wahrnehmung von uns selbst und in Bezug auf politische Narrative fest, die wir im Laufe unseres Lebens in uns selbst aufrichten. Beide „Erzählungen“, die persönliche und die politische Erzählung, beziehen sich auf sehr wichtige Modelle, nach denen wir unser Überleben ausrichten! Es kann also sehr bedrohlich sein, wenn jemand einer der beiden Arten von Erzählung widerspricht!

Das Wichtigste ist, einfach weiter zu atmen und nicht zu sehr in eine Abwehrhaltung zu geraten oder aggressiv zu werden!

Dies erinnert mich an zwei Dinge: Ehe und Demokratie (und Demokratie ist natürlich eine Art von Ehe). Der wohl bedeutendste Eheforscher ist John Gottman. Er hat über einen Zeitraum von 40 oder 50 Jahren äußerst detaillierte prospektive Untersuchungen von verheirateten Paaren durchgeführt. Er hat herausgefunden, daß sich in den Ehen die andauern, die Argumente im Laufe von 40 Jahren im Grunde genommen nicht ändern! Keiner der beiden Partner überzeugt den anderen Partner von der Richtigkeit seiner Ansichten! Der Unterschied zwischen Beziehungen, die dauern, und Beziehungen, die das nicht tun, besteht nicht darin, daß sie übereinstimmen. Der Unterschied besteht darin, daß in Beziehungen, die dauern, sie übereinkommen können unterschiedlicher Meinung zu bleiben und weiterhin über die Dinge zu sprechen, in denen sie nicht übereinstimmen!

Dies steht in hohem Maße im Einklang mit dem, was der Historiker Joseph Ellis über die amerikanische Demokratie und die Verfassung gesagt hat: Die Framer (Gründungsväter der Vereinigten Staaten) haben absichtlich ein Regierungssystem mit gegenseitigen Kontrollen geschaffen, das verhindert, daß jemals eine Seite gewinnt! Der springende Punkt war, daß unser Regierungssystem uns alle zusammenhalten soll, während wir nicht übereinstimmen, und es uns in eine andauernde Diskussion hineinzwingt! Ich habe darüber bereits geschrieben, aber es lohnt sich, es zu wiederholen.

Die Framer haben ein Regierungssystem geschaffen, das anerkennt, daß der Mensch „gefallen“ ist, unabhängig davon, ob man diese Tatsache in einem religiösen oder nichtreligiösen Kontext sieht (ich selbst neige zu letzterem). Mit anderen Worten, wir sind nicht „perfekt“ und werden es auch niemals sein, weder nach unserer Natur als biologische Wesen oder nach etwas, das damit in Zusammenhang steht, wie Gott das Universum erschaffen hat, oder nach beidem.

Ich denke, wir wissen alle, wie das Christentum die menschliche Natur definiert, deshalb werde ich darauf nicht eingehen. Es gibt jedoch zahlreiche Untersuchungen, die belegen, daß die politische Ausrichtung eine weitgehende genetische Komponente zu haben scheint. Es ist viel darüber geschrieben worden, wie dies in der Evolution hat entstehen können, mit der Schlußfolgerung, daß die Existenz sowohl von Konservativen als auch von Liberalen einen evolutionären Vorteil haben muß.

Dies stimmt genau mit Ellis und vielleicht sogar Gottman überein. Vielleicht sind die Auseinandersetzungen in Beziehungen in gewisser Weise das psychologische/emotionale Äquivalent politischer Auseinandersetzungen – es scheint, daß unsere politischen Identifikationen oft mit dem „Charakter“ eines bestimmten Politikers zu tun haben. Vielleicht besteht eine Beziehung zwischen der Art der zwischenmenschlichen Konflikte, die sich entwickeln, und der Art der politischen Konflikte, die sich entwickeln, und vielleicht haben diese wiederkehrenden Konflikte etwas mit der Art und Weise zu tun, wie die Kontrahenten von der Natur entworfen wurden (sowohl von der Genetik her als auch von den Resultaten persönlicher Traumata verschiedener Art her). Ich denke, wir können Belege dafür vorlegen, daß politische Auseinandersetzungen zwischen befreundeten Menschen oder Menschen, die in einer Beziehung stecken, häufig schwanken zwischen der Politik und dem Anprangern bestimmter Charaktereigenschaften, die die eine Person bei der anderen ablehnt.

Meine Schlußfolgerung lautet demnach: Wir müssen in der Lage sein, unsere Differenzen zu tolerieren und Freunde zu bleiben; nicht aggressiv sein oder zu sehr in eine Abwehrhaltung geraten und erkennen, daß die Natur (und unsere Verfassung) uns so gestaltet hat, daß wir uns garantiert nie ganz einig werden! Dies bedeutet, daß wir nicht erwarten oder auch nur wünschen sollten, daß jemals eine Seite gewinnt! Das wäre wahrscheinlich eine Katastrophe und das Ende einer Beziehung bzw. eines Landes! Gott, oder Natur, bitte gib uns die Weisheit, dies zu verstehen! Das ganze Wesen menschlicher Beziehungen, sowohl persönlicher als auch politischer Art, ist der Dialog selbst, nicht wer ihn gewinnt!

 

 

zuletzt geändert
12.03.20

 

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