W W W . O R G O N O M I E . J I M D O S I T E . C O M

 

Facebook-Einträge von David Holbrook, M.D.

 

 

 

 

„Homo politicus“

David Holbrook, M.D.

 

I

Was man m.E. bei der Politik verstehen muß, ist, daß wir Menschen von Natur aus politische Tiere sind. Wir sind von Natur her Stammeswesen, soziale Wesen. Beispielsweise stört es uns, wenn ein völlig Fremder auf den Straßen von New York die Stirn runzelt, wenn wir gerade an ihm vorbeigehen. Warum? Wir werden ihn nie wieder sehen. Niemand anderes hat sein Stirnrunzeln gesehen. Es wird keinen Einfluß auf unseren sozialen Status in der Gemeinschaft haben. Warum kümmert es uns dann? Weil wir durch und durch soziale Tiere sind und in der Politik geht es nur um die Natur unserer sozialen Beziehungen in der weiteren Gemeinschaft. Wir sind “Homo politicus”. Deshalb ist es für uns so schwierig, sich über Politik zu unterhalten. Unsere politischen Überzeugungen sind zutiefst persönlich und eng verbunden mit unserer Sicht von uns selbst und der Person, die wir sein wollen, und wie wir möchten, daß andere zu uns in Beziehung stehen. Es fühlt sich bedrohlich an, wenn wir anderen begegnen, die eine andere Art von politischer Psychologie haben, und wir werden bösartig. Aber um als eine in demokratischen Gesellschaften lebende Spezies überleben zu können, müssen wir das tiefere Bild sehen; die Dinge, die wir gemeinsam haben. Wir müssen politische Meinungsunterschiede tolerieren, die die tiefsten Aspekte unserer individuellen Struktur betreffen. Es gibt wissenschaftliche Belege dafür (siehe zum Beispiel: Our Political Nature: The Evolutionary Origins Of What Divides Us von Avi Tuschman), daß die politische Einstellung weitgehend oder zumindest teilweise angeboren ist und daß unterschiedliche angeborene politische Überzeugungen im Genpool wahrscheinlich eine Überlebensfunktion haben für unsere Spezies. Wir müssen also begreifen, daß es unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansichten gibt, und auch wenn ihre Ansichten gewaltig von den unseren abweichen können, müssen wir dies wohl oder übel tolerieren und in einer durch und durch demokratischen Weise unsere Differenzen aufarbeiten, was bedeutet, daß wir uns weder jetzt noch jemals vollkommen durchsetzen können. Aber wir müssen damit leben können; das breitere Bild sehen. Ist Politik persönlich? Ja. Muß jeder das Ebenbild von uns selbst sein? Nein. Erinnere dich, was mit Narziß passiert ist, als er zu sehr darauf bedacht war, sein eigenes Spiegelbild im Teich zu betrachten!

 

 

II

Ich hatte einen Gedanken, dem ich ein paar Tage nachhing. Es ist eine Art halbgeformter Gedanke, und ich bin mir nicht ganz sicher, wohin er führt oder wieviel Sinn er macht, aber ich werde versuchen, ihn zu artikulieren und auszuarbeiten.

Ich habe darüber nachgedacht, wie persönlich und emotional Politik ist. Sie hat ein solches psychologisches Aroma. Mich erinnert es an andere zwischenmenschliche Verhandlungen oder Konflikte, die man mit anderen haben kann, insbesondere in sehr engen Beziehungen wie Liebesbeziehungen oder familiären Beziehungen. Sie erzeugt diese Art von emotionaler Wärme, obwohl ich tatsächlich sagen würde, daß Politik anscheinend eine noch tiefere emotionale Wärme erzeugt als andere Arten von Beziehung.

Immerhin, Politik IST eine Beziehung! Es geht um die Regeln, wie wir alle miteinander umgehen. Es macht also Sinn, daß es an die Art von Gefühlen gemahnt, die Menschen in anderen Beziehungen haben.

Kennst du das Gefühl, das man in einer Beziehung hat, in der du frustriert bist und du spürst, das Gegenüber versteht das nicht, so daß du nicht einmal versuchen möchtest mit ihm zu sprechen? Das passiert viel in der Politik. Und das fiel mir auf: es ist, als wollten wir in der Politik, daß andere Menschen genau so sind wie wir! Es ist, als ob wir nicht tolerieren könnten, daß es andere Menschen gibt, die sich von uns unterscheiden! Deshalb wollen wir sie überwältigen oder dazu bringen, genauso zu sein wie wir, anstatt uns mit ihnen zu unterhalten, zu diskutieren. Und das ist Demokratie: eine Diskussion, bei der wir unsere Differenzen tolerieren und versuchen, sie in einem System durchzuarbeiten, das viele, viele Checks and Balances enthält, die sicherstellen, daß keine Seite jemals ganz gewinnt. Das Ziel ist nicht wirklich zu gewinnen, das Ziel ist eine ständige Diskussion und respektvolle Verhandlungen. Und das gilt auch für individuelle Beziehungen! Und wenn die Menschen beschließen, diese Diskussion nicht zu führen, frustriert sind und nur ihren Willen durchsetzen wollen, fangen die Probleme an. Weil es an diesem Punkt aufhört eine Beziehung zu sein, wird sie zu etwas anderem. Es hört auf eine Demokratie zu sein und wird zusehends wie eine Diktatur auf der einen oder anderen Seite. Stell dir vor, daß das in einer zwischenmenschlichen Beziehung funktionieren soll! Ich denke, auf allen Seiten sollten die Menschen diesem Impuls widerstehen.

Politik ist zwischenmenschlich. Wir reagieren auf die Persönlichkeit der Politiker und auf ihre politischen Positionen, die ebenfalls Vorstellungen darüber darstellen, wie wir unsere Beziehungen auf gesellschaftlicher und intergesellschaftlicher Ebene gestalten sollen. Viele unserer Reaktionen auf allen Ebenen sind Reaktionen aus dem Bauch heraus.

Mir ist klar, daß in der Politik sehr mächtige Kräfte am Werk sind. Es mag daher etwas naiv erscheinen, die Dinge in diese zwischenmenschliche Begrifflichkeit einzuordnen. Ich spreche aber zumindest darüber, wie man all diese mächtigen Kräfte bewältigen kann. Es ist eine Frage der zwischenmenschlichen/politischen Taktik. Wie soll das politische Gespräch verlaufen? Und das war die Frage, vor der die Gestalter unserer Verfassung standen. Sie versuchten, ein System zu entwickeln, das ein beständiges Gespräch und beständiges Aushandeln ermöglichen würde. Und deshalb ging es beim ersten Verfassungszusatz um die freie Meinungsäußerung: die Freiheit, sich zu unterhalten! Wir sollten also besonders auf der Hut sein gegen alles, was offen oder subtil die freie Meinungsäußerung behindert. Das ist das Fundament der Freiheit, und ohne sie gibt es nur eine Diktatur des einen oder des anderen politischen Flügels. Es spielt keine Rolle, wie die Diktatur rationalisiert wird. Zum Beispiel nicht beleidigen zu wollen oder beleidigt zu werden, ist kein legitimer Grund die freie Rede einzuschränken. Niemals. Sonnenlicht ist das beste Antiseptikum, und ohne freie Rede gibt es kein Sonnenlicht.

Reine Demokratie ist ebenfalls eine Form der Diktatur. Die Verfassungsväter waren sich dessen bewußt und wollten sie vermeiden. Sie wollten einige Schutzmechanismen für die Minderheit einbauen, um die Macht der Mehrheit auszugleichen, einschließlich des Rechts der kleineren und/oder mehr ländlichen Staaten, nicht vollständig von den größeren und/oder mehr urbanen Staaten regiert zu werden. So schufen sie das Wahlkollegium und den Senat als Gegengewicht zum Parlament. Auch betrachteten sie unsere Nation als einen Staatenbund und nicht als ein einheitliches Gebilde, dominiert vom Bund. Es wird oft behauptet, daß der einzige Beweggrund dafür darin bestand, daß die Südstaaten die Sklaverei beibehalten konnten, aber diese Ansicht ist falsch. Die Rechte der Bundesstaaten sollen sicherstellen, daß die Regierung so lokal wie möglich ist. Dies stellt ein gewisses Maß an Gegengewicht zu der Notwendigkeit zentraler Regierungsstrukturen dar. Es trägt auch dazu bei, eine persönlichere und rechenschaftspflichtige Beziehung zwischen den einzelnen Bürgern und ihren Regierungsstrukturen zu gewährleisten – weniger eine Diktatur zu sein.

Dementsprechend geht es auch hier um Beziehungen, insbesondere um die Art der Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv, und zwischen kleineren gesellschaftlichen Einheiten und größeren gesellschaftlichen Einheiten. Der Einzelne hat bestimmte Rechte, die ihm von der Mehrheit nicht weggenommen werden können und nicht weggenommen werden sollten. Jede Stimme hat ihren Platz und sollte mit Respekt und Zurückhaltung gehört werden, auch wenn wir dieser Meinung mit Nachdruck nicht zustimmen oder sie als beleidigend empfinden. Denn das ist es, was Menschen in erfolgreichen Beziehungen füreinander tun.

 

 

zuletzt geändert
16.09.19

 

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